Wie musikpädagogische Arbeit eigene Räume für persönliches Wachstum erschließt
Linda Eiermanns leitet die kleine Musikschule. Um ihre Begeisterung für die vielfältige Arbeit ihres musikpädagogischen Teams weiterzugeben, begibt sie sich auf die Suche nach einem ruhigen Ort. Sie findet ihn in der Musikoase, einem kleinen gemütlich ausgestatteten, farbig ausgeleuchteten Raum, dessen Bestimmung genau im Gegenteil von Stille besteht. Dort können die Kinder und Jugendlichen richtig laut Musik hören, können sie mit ihrem ganzen Körper spüren. Das hilft ihnen oft, etwas herunterzukommen in einem Alltag und einem Leben, in dem sie viele Herausforderungen bewältigen müssen.
Musik eröffnet neue Horizonte. Sie ermöglicht, sich aus dem Alltag zu lösen und sich mit seinen Gefühlen, Talenten und Träumen auszudrücken. Im Bethanien Kinderdorf Schwalmtal gestaltet eine Musikschule entsprechende Zugänge.Thomas Hohenschue
Während die jungen Menschen hier der Musik in der Rolle von Rezipientinnen und Rezipienten begegnen, gehen sie ansonsten aktiv mit Musik um. Dafür gibt es Gruppen- und Einzelangebote. Linda Eiermanns und ihr Team ermöglichen den Kindern und Jugendlichen, sich an Instrumenten und am Gesang auszuprobieren und an ihren Fertigkeiten zu feilen. Im Wechselspiel von Feedback, Fortschritt, Rückschlägen und Erfolgen beobachten die pädagogischen Mitarbeitenden eine Entwicklung auf vielen Ebenen. Da geht es nicht allein um Musik und erst recht nicht um musikalische Leistung, sondern ebenso und vorrangig um persönliches Wachstum.
Zum Angebotsspektrum der Musikschule im Bethanien Kinderdorf Schwalmtal gehört die Band „La Taste“. Sie bietet Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen besonderen Rahmen für das Entfalten musikalischer und menschlicher Stärken.Thomas Hohenschue
Die jungen Menschen entwickeln Gefühle von Selbstwirksamkeit, fördern ihre Fähigkeiten, sich auszudrücken und zu interagieren, gewinnen Schritt für Schritt an Selbstbewusstsein. Linda Eiermanns ist begeistert, wie oft sich aus anfänglicher Schüchternheit, Unbeholfenheit, Zurückhaltung oder auch Abwehr die starke Persönlichkeit herausbildet, die in den Kindern und Jugendlichen steckt. Auf dem Weg dahin braucht es viele kleine Schritte, Beharrlichkeit, gute Gespräche, bei denen es häufig nicht um die Musik geht, sondern um Themen des Heranwachsens oder der persönlichen Geschichte.
Ein gutes Zusammenspiel aller Instrumente und Stimmen braucht manchmal präzises Nachsteuern, wie hier am Keyboard. Musikschulleiterin Linda Eiermanns freut sich am Engagement ihrer Schülerinnen und Schüler.Thomas Hohnschue
Einen besonderen Rahmen für das Entfalten musikalischer und menschlicher Stärken bietet die Kinderdorfband "La Taste". Dafür wechselt das Gespräch in den Proberaum der Musikschule. Auch dieser Raum ist schön ausgeleuchtet. Instrumente und Notenständer warten auf die Menschen, die sie nutzen. Während die Bandmitglieder eintreffen, berichtet der Musiker und Bandleader Dennis Bowens über den Alltag der Gruppe. Gemeinsam auf das Ziel eines Auftrittes hinzuarbeiten, fokussiert und hartnäckig, schweißt zusammen und ermöglicht herausragende, tragende Erfahrungen und Erlebnisse.
Bandleader Dennis Bowens gibt Feedback, was gut ist und wo noch eine Kleinigkeit zu verbessern ist. Die Band ist bereits super eingespielt.Thomas Hohenschue
Das Gespräch verstummt, die Musik hat das Wort. Es ist die erste Probe nach den langen Sommerferien. Bald steht wieder ein Konzert an. Im Repertoire befinden sich aktuelle und klassische Pop- und Rocksongs, eigens arrangiert, ergänzt durch eigene Songs. Alle Beteiligten zeigen schon nach wenigen Takten ihr großes Talent, sie beherrschen hörbar ihr Instrument und treffen auch mit ihrer Stimme die Töne. Jetzt geht es um das Zusammenspiel von Instrumenten und Stimmen, um den richtigen Rhythmus, den mitreißenden Groove, um Betonen und Zurücknehmen. Viele feine Stellschrauben, die gute Zusammenarbeit und beharrliches Üben erfordern.
Den richtigen Groove mit gutem Gefühl für den Rhythmus unterstützen.Thomas Hohenschue
Beherrscht zu Beginn der Probe noch ausgelassene Frotzelei unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Bild, zieht immer mehr Intensität und Konzentration ein. Bei manchen Songs, die geprobt werden, springt der Funke über, und es wird deutlich, wie viel sie den jungen Menschen bedeuten: was die Texte ihnen erzählen, wie sie die Musik selbst fühlen, die sie gerade aufführen. Das ist der magische Moment, in dem der Alltag endgültig den Raum verlassen hat und das gemeinsame Zusammenarbeiten an einem besonderen Projekt im Fokus steht. Jetzt geht es nur noch um Musik und große Gefühle. Linda Eiermanns und Dennis Bowens strahlen zufrieden.
Ein Beitrag im Rahmen einer Reihe, die sich mit Rolle und Wirkung von Musik in der verbandlichen Caritas beschäftigt. Sie beginnt zum Weltmusiktag am 1. Oktober 2026 und endet Ostern 2027.
Autor: Thomas Hohenschue