Wenn Mitbestimmung plötzlich Realität wird
Ein Raum, viele Menschen. Und eine spürbare Spannung. Menschen mit Behinderung - sie sind allesamt Selbstvertretungen in Einrichtungen der Eingliederungshilfe im Bistum Aachen - eröffnen den Studienteil der Mitgliederversammlung der Diözesanarbeitsgemeinschaft Eingliederungshilfe im Bistum Aachen, den sie selbst vorbereitet haben. Wer heute spricht, spricht nicht über andere, sondern für sich selbst.
Der Arbeitskreis Selbstvertretung innerhalb der Diözesanarbeitsgemeinschaft Eingliederungshilfe im Bistum Aachen hatte selbstständig die Talkrunde mit Vertretern aus Kommunen, Einrichtungen und Verband zum Thema Inklusion organisiert. Der Diözesancaritasverband Aachen ist der erste Diözesancaritasverband in Nordrhein-Westfalen, der Selbstvertretung fest in seiner Struktur verankert hat. Menschen mit Behinderung wirken dort dauerhaft mit.DiCV Aachen
"Wir haben das Thema sehr ernst genommen", sagte Nora Morsch, Geschäftsführerin der DiAG Eingliederungshilfe in der Geschäftsstelle des Caritasverbandes für das Bistum Aachen. "Deshalb haben Selbstvertreterinnen und Selbstvertreter diesen Studienteil komplett gestaltet. Sie haben festgelegt, was gesagt wird und wie verständlich es sein muss."
Der Einstieg war bewusst gewählt. Mit Schildern machten die Beteiligten ihre Anliegen sichtbar. "Barrierefreiheit endet nicht an der Rampe" stand auf einem. Charlotte Böhme: Vorsitzende des Bewohnerbeirates aller besonderen Wohnformen der Alexianer Vianobis, setzt sich leidenschaftlich für die Mitsprache der Bewohnerinnen und Bewohner ein. "Barrieren entstehen auch im Kopf. Und durch fehlende Informationen", sagte sie.
Dann interviewten die Selbstvertretungen Vertreterinnen von Verwaltungen, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung und Verbänden. Ein zentrales Thema war Barrierefreiheit in der Stadt. Simone Krauß, Beauftragte der Stadt Aachen für die Belange von Menschen mit Behinderung, sprach offen über Verantwortung und Zusammenarbeit. Die Selbstvertreterinnen und Selbstvertreter bat sie herzlich: "Bitte kommen Sie jederzeit auf mich zu. Nur wenn wir im Austausch bleiben, können wir Barrieren abbauen." Und sie ergänzte: "Inklusion beginnt vor Ort. Sie passiert nicht von allein. Sie braucht Begegnung und gegenseitiges Zuhören."
Dann wurde es persönlich. Die Frage nach Mitbestimmung in Einrichtungen stand im Raum. "Sind wir wirklich Gesprächspartner auf Augenhöhe?", fragte Michael Sterzel, Vorsitzender der Klientenvertretung BeWo bei den Caritas Lebenswelten. Er vertritt die Interessen der Bewohnerinnen und Bewohner und setzt sich für mehr Mitbestimmung ein. Christiane Gülpen, Einrichtungsleitung des Vinzenz-Heims in Aachen, sagte: "Es muss überall normal werden, dass Sie mitreden. Wir müssen dafür sorgen, dass Informationen ankommen. Und wir müssen Mitbestimmung ermöglichen, nicht nur für Beiräte, sondern für jeden Menschen."
Auch der Begriff Inklusion wurde besprochen. Jens Kräghan, Mitglied des Werkstattrates der Caritas Betriebs- und Werkstätten GmbH sagt: "Inklusion ist ein großes Wort." Von Jessica Cadenbach, Verantwortliche für Inklusion bei der Städteregion Aachen, wollte er wissen, was das konkret bedeutet. Sie sagte: "Für mich heißt Inklusion: Jeder Mensch kann gleichberechtigt an allem teilhaben. Ohne Unterschiede. Trotz aller Unterschiedlichkeit müssen wir das möglich machen. Das ist unsere gemeinsame Aufgabe."
Wie Selbstvertretung praktisch gestärkt werden kann, zeigte Anne Wolf, Selbstvertreterin und Peerberaterin. Sie macht sich stark für Empowerment und Bewusstseinsbildung. Sie stellte die Fortbildungsreihe "Wir vertreten uns selbst" für Selbstvertretungen im Fortbildungsprogramm des Caritasverbandes für das Bistum Aachen vor. Das Ziel dieser Reihe sei klar, sagte sie: "Menschen mit Behinderung sollen ihre Rechte kennen, ihre Interessen vertreten können und selbstbewusst auftreten." In der Fortbildungsreihe geht es in aktuell vier Bausteinen um Grundlagen der Selbstvertretung, gemeinsames Entscheiden, den Einsatz digitaler Werkzeuge sowie um klare Aufgaben und gutes Miteinander. Die Fortbildungsreihe soll Selbstvertreterinnen und Selbstvertreter für ihr Engagement im Alltag und im Verband stärken.
Wie sieht es im Caritasverband für das Bistum Aachen mit dem Thema Selbstvertretung aus? Wie ernst nehme man dort Beteiligung, wollte Anne Wolf von Mark Brülls wissen, Steuerungskreisverantwortlicher im Steuerungskreis Verband der Geschäftsstelle des Diözesancaritasverbandes. "Ich denke, wir können alle noch besser werden", sagte Brülls. Und er lobte das Engagement der Selbstvertretungen für den Studienteil der Mitgliederversammlung der DiAG. "Das, was wir heute hier erleben, ist das beste Beispiel, wie Beteiligung gelingen kann. Erinnern Sie uns immer wieder daran", forderte er die Selbstvertretungen auf.
Der Caritasverband für das Bistum Aachen geht beim Thema Selbstvertretung einen neuen Weg. Mit dem Arbeitskreis Selbstvertretung innerhalb der Diözesanarbeitsgemeinschaft Eingliederungshilfe ist er der erste Verband in Nordrhein-Westfalen, der Selbstvertretung fest in seiner Struktur verankert hat. Menschen mit Behinderung wirken dort dauerhaft mit. Sie sind nicht Gäste, sondern Beteiligte an Entscheidungen.
Zum Abschluss blieb ein Bild hängen: das "Rezept für Inklusion". Dazu gehören Respekt, Zuhören, Geduld, Mut und Humor. Und die klare Aussage: Das Rezept gelingt nur gemeinsam."
Quelle: Caritasverband für das Bistum Aachen