Wenn beim Lesecafé das Herz aufgeht, verfliegt jedes Gefühl der Einsamkeit
Ortstermin im Bistro im Haus der Viersener Caritas. Die drei Damen warten vorfreudig auf Manuela Nazemi. Die Gemeindesozialarbeiterin hat ihnen in den letzten Monaten einen dicken Liebesschmöker vorgelesen. Heute wird das Werk vollendet und die Frage geklärt, ob die Liebenden trotz aller Irrungen und Wirrungen zusammenfinden.
Angebote wie dieses Vorlesecafé bereichern das Leben von Menschen, schaffen Räume für Begegnung, erzählt die Caritas-Mitarbeiterin später. Gleiches gilt für ehrenamtlich getragene Projekte wie die Digitalpaten und die Vita-Taschengeldbörse, die sie unter dem Dach des Mehrgenerationenhauses leitet. Die Angebote beugen so Einsamkeit vor.
"Viele Menschen mache es sich bequem", sagt Gerda Quack. "Sie warten, dass jemand kommt. Aber es kommt niemand, man muss schon selbst aktiv werden." Sie ist ein Musterbeispiel für die belebende Kraft einer solchen entschiedenen Haltung, wie auch die lebenslustige 85-jährige Ulla Kreuter und die 86-jährige Käthe Kallen.
Das Leben im Alter muss nicht einsam sein. Das finden Gerda Quack, Käthe Kallen und Ulla Kreuter (v.l.n.r.).Thomas Hohenschue
Sicherlich wird das Leben im Alter beschwerlicher, der Körper macht nicht mehr alles mit, man braucht medizinische, vielleicht auch pflegerische Hilfe. Aber mit unterstützenden Leistungen wie beim Servicewohnen oder auch im Seniorenzentrum lässt sich weiter ein gutes Leben führen, mit Aktivitäten, Ausflügen, viel Kommunikation.
Ganz nebenbei im Gespräch regeln die Damen das ein oder andere elektronisch. Inzwischen ist Manuela Nazemi eingetroffen, das Buch ist gezückt, und die Geschichte strebt mit einigem Wendungen ihrem Höhe- und Schlusspunkt zu. Die Gemeindesozialarbeiterin ist eine begnadete Vorleserin, es wird viel gelächelt und gelacht.
Manuela Nazemi ist nicht nur Gemeindesozialarbeiterin, sondern auch eine begnadete Vorleserin.Thomas Hohenschue
Manuela Nazemi weiß sehr gut, wie plötzliche Verluste und andere schmerzliche Ereignisse das Leben grauer, trauriger und einsamer machen können. Einsamkeit ist ein normales Gefühl, es kommt bei jedem vor, immer wieder. Sich zurückzuziehen, ist eine häufige und gesunde Reaktion. Bleibt es allerdings dabei, verfestigt sich die Einsamkeit.
Dagegen setzt die Leiterin des Mehrgenerationenhauses der Viersener Caritas Kontrapunkte. Sie organisiert Chancen, andere Menschen zu treffen, eine anregende Zeit miteinander zu verbringen, sich sinnvoll einzubringen, Teil einer Gemeinschaft, eines Teams zu sein. Das Motto ihrer Initiativen lautet folgerichtig: "Miteinander - füreinander".
Natürlich bleibt die Herausforderung, mit dem, was das Leben im Alter für einen persönlich bietet, zurechtzukommen. Da sind optimistische Rezepte manchmal einfacher gesagt als getan. Gerda Quack zieht viel Kraft aus ihrem Blick zurück auf ein erfülltes Leben. Ihre Freundin Ulla Kreuter schaut lieber nach vorne, ist neugierig auf das Morgen.
Ein Beitrag aus Anlass des diesjährigen Teresa-Bock-Preises. Bis zum 13. Juni können sich Projekte um die mit 10.000 Euro dotierten Auszeichnung bewerben. Gesucht sind Vorhaben, die sich "mit Herz und Haltung gegen Einsamkeit" einsetzen. Mehr Infos und die Möglichkeit der Online-Bewerbung unter https://caritasstiftung-aachen.de/teresa-bock-preis/teresa-bock-preis-2026/.
Autor: Thomas Hohenschue