Kein Kaffeeklatsch, sondern Netzwerkarbeit
"Viele Menschen, viel händische Arbeit, wenig Maschinen", erklärt Dirk Leifeld, Betriebsleiter von Werk 5 der Caritas Betriebs- und Werkstätten GmbH (CBW), den Gästen aus Kolumbien, was sie gerade in einer Halle sehen. An einigen Tischen werden Stoffüberreste für das Recycling getrennt, an anderen Münzen sortiert oder kleine Geschenktüten für Drogeriemärkte verpackt. 170 Menschen mit Handicap arbeiten allein in Imgenbroich, sie werden angeleitet und betreut von hauptamtlich Mitarbeitenden.
Betriebsleiter Dirk Leifeld (rechts) vermittelte den Bischöfen und Markus Offner (links), Bischöflicher Beauftragter für die Kolumbienpartnerschaft, einen Einblick in die tägliche Arbeit der Caritas Betriebs- und Werkstätten GmbH (CBW). Claudia Witgens, die als Fachkraft des Bistums Aachen in der Sozialpastoral des Erzbistums Cali tätig ist, dolmetschte.Stephan Johnen
"Unser Schwerpunkt ist es, Menschen so fit zu machen, dass sie auf dem ersten Arbeitsmarkt ankommen können", erklärte Dirk Leifeld, der betonte: "Hier wird nicht nur gespielt oder der Tag als Struktur verbracht, hier geschieht wirklich Teilhabe am Arbeitsleben." Ob in der Metallwerkstatt, in der es dann doch durchaus viele Maschinen gibt, der Kerzenmanufaktur oder bei vielen Service- und Montage-Aufträgen von Kunden aus der Industrie: Die Caritas Betriebs- und Werkstätten bieten Menschen mit Handicap eine attraktive Tätigkeit und eine berufliche Teilhabe. Über die Organisation der Arbeit, die internen Abläufe und die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland haben sich nun fünf kolumbianische Bischöfe und Claudia Witgens, die Fachkraft für die Weiterentwicklung der Partnerschaft in Kolumbien, informiert.
Ein Produkt aus Werk 5, das auch im Werksverkauf in Imgenbroich erhältlich ist, sind Kerzen aus der Manufaktur „CariCandle“. So werden aus Wachsresten echte Hingucker. Stephan Johnen
Franklin Misael Betancourt, Bischof von Tumaco, Alfonso García López, Apostolischer Vikar von Guapi, John Mario Mesa Palacio, Apostolischer Vikar von Leticia, Arnulfo Moreno Quiñonez, Weihbischof im Erzbistum Cali, Jesús Alberto Torres Ariza, Bischof von San José del Guaviare, und Claudia Witgens waren eine Woche lang zu Gast im Bistum Aachen, um an der Partnerschaftswoche "Quo vadis, Kolumbien?" teilzunehmen, Hilfswerke zu besuchen, Projekte, Initiativen und möglichst viele Menschen kennenzulernen. Begleitet wurden sie unter anderem von Markus Offner, dem Bischöflichen Beauftragten für die Kolumbienpartnerschaft, und Thomas Hoogen, Referent für weltkirchliche Aufgaben/Kolumbienpartnerschaft, auch Bischof Dr. Helmut Dieser nahm sich Zeit für die Gäste. Ein Programmpunkt war der Besuch von Werk 5 der CBW in Monschau-Imgenbroich, wo die Bischöfe aus Kolumbien neben einem Gespräch mit CBW-Geschäftsführer Michael Doersch, Prokurist David Göser, Betriebsleiter Dirk Leifeld und weiteren Vertretern der Caritas viel Zeit in eine ausführliche Betriebsführung investierten. Dabei stießen sie auch auf einen Rohstoff aus ihrem Heimatland, der im Bistum Aachen veredelt wird: Rohkaffee aus der Region Matituy.
Tobias Fink und sein Team demonstrierten, wie in kleinen Chargen der fair gehandelte Kaffee in der Eifel geröstet wird.Stephan Johnen
"Du musst den Zeitpunkt treffen, wann die Bohnen rausmüssen", erklärte Tobias Fink, Gruppenleiter der CBW in Imgenbroich, den interessierten Besuchern, wie Kaffee geröstet wird. Es mag ein Knistern sein, die Veränderungen in der Farbe oder ein aufsteigender Duft. Es war nicht leicht, die Magie zu beschreiben, wenn Kaffeebohnen auf Hitze treffen und sich die Aromen entwickeln. "Mit etwas Erfahrung sieht, riecht und hört man, wenn die Bohnen perfekt sind", führte Tobias Fink weiter aus. Weihbischof Arnulfo Moreno Quiñonez und Claudia Witgens waren die Ersten, der das leichte Knacken hörten, den sogenannten First Crack beim Aufplatzen der Bohnen. Danach beginnt jedes Mal aufs Neue die heiße Phase des Röstens. In Imgenbroich hat das Team von Tobias Fink schon viel Erfahrung gesammelt. Seit 2025 wird im Werk 5 der CBW fair gehandelter Kaffee in größerem Maßstab geröstet und vermarktet. Erste Versuche gehen noch einige Jahre weiter zurück.
Die Idee hatte Betriebsleiter Dirk Leifeld. Rund 1600 Menschen tranken pro Jahr an allen CBW-Standorten Kaffee, der für 20.000 Euro eingekauft wurde. "Können wir das nicht für den Preis auch selbst machen?", fragte er erst sich, dann seinen Geschäftsführer Michael Doersch, der den Budgetplan für das Kaffeeprojekt genehmigte. Leifeld holte einen Kaffee-Sommelier an Bord, der bei der Auswahl der Bohnensorten, der Zusammenstellung der Mischungen und der Ausbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter half, und kaufte einen kleinen Röster. Der Grundstein war gelegt, mittlerweile wird der fair gehandelte und in der Eifel geröstete Kaffee an viele Caritas-Verbände, soziale Einrichtungen und auch Unternehmen geliefert. Rund sieben Tonnen wurden bereits in diesem Jahr geröstet. Die Menge wird sich bald dramatisch erhöhen.
Denn erstmals sind 20 Tonnen Kaffeebohnen aus Kolumbien auf dem Weg in die Eifel, der Seecontainer ist gerade im Panamakanal. Es ist der Auftakt eines Projekts mit der Sozialpastoral im Bistum Pasto in Kolumbien, dem Partnerland des Bistums Aachens. "Wir wollen keine exorbitanten Gewinne erzielen, sondern die Kaffeebauern unterstützen", sagt Dirk Leifeld. Exakt aus diesem Grund passt der neue Spitzen-Kaffee, der bald unter dem Namen "Matituy" zur Verfügung steht, perfekt ins Portfolio. Die handverlesenen Bohnen werden von Kleinbauern in den Höhen der Anden im Einklang mit der Natur angebaut. CBW-Geschäftsführer Michael Doersch, Dirk Leifeld und Diözesan-Caritasdirektor Stephan Jentgens hatten im vergangenen Jahr an einer Reise ins Bistum Pasto teilgenommen und Kontakte geknüpft. Die Partner-Organisation des Diözesan-Caritasverbandes begleitet in Kolumbien Genossenschaften von Kaffeebauern, um für sie faire Preise unter Weltmarktbedingungen herauszuhandeln.
In Rom wurden die fünf Bischöfe geweiht, auf dem Rückweg in ihre Heimat nahmen sie an der Kolumbien-Partnerschaftswoche im Bistum Aachen teil. Eine Station war Werk 5 der Caritas Betriebs- und Werkstätten. Die dortige Rösterei wartet auf die Ankunft von 20 Tonnen Rohkaffee aus dem kolumbianischen Hochland. Stephan Johnen
"Im Rahmen der Partnerschaft wurde eine tolle Brücke geschlagen, Kaffee ist ein wunderbares Vehikel, um das zu tun", sprach Markus Offner, Bischöflicher Beauftragter für die Kolumbienpartnerschaft, von einem guten Beispiel für praktische Zusammenarbeit. Die kolumbianischen Bischöfe und ihre Gastgeber entwickelten über die ein oder andere Tasse Kaffee auch weitere Ideen und Ansätze, wie Zusammenarbeit künftig weiter ausgebaut und gestaltet werden kann, gerade mit Blick auf Inklusionsprojekte. Die Delegation aus Kolumbien nahm viele Eindrücke und Ideen aus der Eifel mit, wie es in den Caritas Betriebs- und Werkstätten gelingt, Menschen mit Handicap attraktive Arbeitsmöglichkeiten zu bieten. "Der Staat tut in Kolumbien nichts für Menschen mit Behinderung, es gibt keinerlei Möglichkeiten der Integration, für die Familien ist es unheimlich schwierig, sich um die Menschen zu kümmern, da sie selbst kaum genug Einkommen haben", berichtete Alfonso García López, Apostolischer Vikar von Guapi. Inklusion werde zwar auf dem Papier zugesichert, aber in der Realität nicht gelebt. Die Gäste berichteten von vielen Projekten und Stiftungen, die sich zunächst gut entwickelten, aber dann doch bei der Frage nach einer dauerhaften Finanzierung an Grenzen stießen. Gerade in ländlichen Regionen gebe es kaum Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen mit Handicap. Anders sieht es in Deutschland aus, wo in den 1960er-Jahren die ersten "beschützenden Werkstätten" gegründet wurden. "Zuerst gab es Elterninitiativen, dann sprangen die Wohlfahrtsorganisationen mit auf", skizzierte CBW-Geschäftsführer Michael Doersch die Entwicklung. Mitte der 60er-Jahre entstanden auch die Caritas Betriebs- und Werkstätten mit Sitz in Eschweiler, die 1976 als GmbH aus dem Caritasverband ausgegliedert wurden. Deutschlandweit gibt es rund 700 Werkstätten für 300.000 Menschen mit Handicap, rund 70 davon werden von der Caritas getragen.
Besonders interessant für die Gruppe aus Kolumbien war der Ansatz des Kaffee-Projekts, ohne "Zwischenebenen" (in diesem Fall: Zwischenhändler) auf Augenhöhe zu kooperieren, ganz ohne nationale oder internationale Fördermittel - um dennoch für die Menschen vor Ort ein faires Einkommen zu erzielen und den Menschen mit Handicap in der Eifel berufliche Teilhabe zu ermöglichen. Wenn dann noch ein Spitzen-Produkt dabei entsteht, wächst die Nachfrage fast automatisch. "Wir stehen gerne mit unserem Wissen als Ansprechpartner zur Verfügung und unterstützen Sie bei einer Umsetzung, wo wir können", sicherte der CBW-Geschäftsführer den Gästen aus Kolumbien zu: "Wir sind offen für alles." Mit Blick auf die Kaffee-Röstung kann die Produktion locker auf 40 Tonnen pro Jahr verdoppelt werden, danach ist noch Platz für einen weiteren Ausbau der Kapazitäten. Michael Doersch: "Es wäre schön, wenn noch mehr Caritas-Häuser mit auf den Zug aufspringen. Davon lebt so ein Projekt."