Gemeinsam gegen Einsamkeit: Internationale Verständigung geht durch den Magen
Die malerisch gelegene Ortschaft gehört zur Gemeinde Hürtgenwald und ist Sitz von Rat und Verwaltung. Man kennt und hilft sich. Ein reges Vereinsleben gehört dazu. Und doch gibt es einige Einwohnerinnen und Einwohner, die dort keinen Anschluss suchen oder finden. Das kann zum Gefühl von Einsamkeit führen, wenn es weniger menschliche Verbindung und Nähe gibt, als man sich das für sein Leben wünscht.
Gisela Gerdes, Gemeindesozialarbeiterin bei der Dürener Caritas, fördert Angebote, die solche Lücken schließen. Sie braucht dazu engagierte Mitmenschen wie Miki Latzke, die mit Herzblut anpacken, eine Sache starten und am Laufen halten. Die pensionierte Lehrerin setzt sich beim Caritasverband Düren-Jülich e.V. für Geflüchtete ein und verwirklichte vor acht Jahren die Idee des monatlichen Internationalen Kochens. Die Gemeinde Hürtgenwald unterstützt solche Projekte, indem sie kostenlos Räumlichkeiten zur Verfügung stellt.
Ortstermin in der Schule gegenüber dem Rathaus. Im späteren Speisesaal versammeln sich immer mehr Eifelerinnen und Eifler. Alle haben Schürzen umgebunden, Frauen wie Männer, und kommen rasch miteinander ins Gespräch. Manche kennen sich, andere wiederum nicht, denn die Gäste setzen sich jedes Mal anders zusammen, die ersten 30 kommen zum Zug, danach ist Schluss, gilt: gerne ein anderes Mal.
Begegnung mit dem Land der Gastfreundschaft
Mittendrin: drei somalische Frauen, die eine wichtige Rolle spielen. Denn ihre Heimat gibt heute den kulinarischen Takt vor. Es wird somalisch gekocht. Was das genau bedeutet, wird man später sehen - das Internet spuckt zwar Dinge aus, die werden aber wenig mit dem zu tun haben, was die Frauen kochen. In diesem Sinne ist Gisela Gerdes noch mit einer im Supermarkt unterwegs, für Gewürze und Zutaten.
Das Internationale Kochen in Kleinhau bringt Nachbarinnen und Nachbarn aus verschiedenen Kulturen zusammen.Thomas Hohenschue
Auch weitere geflüchtete Menschen stoßen hinzu, aus Syrien und Iran zum Beispiel. Auch sie genießen es offensichtlich, unter so vielen wohlmeinenden Zeitgenossinnen und Zeitgenossen zu sein. In einem gesellschaftlichen Klima, das ihnen oft mit Vorbehalten und Feindseligkeit begegnet, sind die gemeinsamen Kochstunden ein wohltuender Kontrapunkt. Das löst sie für einen Moment aus der Isolation.
Miki Latzke, Gisela Gerdes und einige Mitstreiterinnen kennen die geflüchteten Frauen und ihre Situation gut. Das Internationale Kochen ist schließlich nicht die einzige Gelegenheit, in Kontakt zu gehen. Vielmehr ist es ein zusätzliches Highlight in einem geteilten Alltag, der sich um ein ehrenamtlich getragenes Café rankt, mit begleitenden Hilfen bei Behördengängen, Hausaufgaben, Spracherwerb und vielem mehr.
Das alles steckt in diesem Moment hinter dem Miteinander im Speisesaal. Während die letzten eintreffen, findet Miki nette begrüßende Worte. Auf den Tischen liegen Rezepte aus dem Netz - und Zettel mit Landeskunde. So heißt Somalia übersetzt "Land der Gastfreundschaft" und die Flagge des bitterarmen Landes vereint die Farben der Vereinten Nationen mit dem Stern, der für die afrikanische Freiheit steht.
Kochen nach Rezept aus dem Internet? Eher nicht
Genug der Vorrede, geht es in die benachbarte Schulküche. An vier Kochzeilen werden in den nächsten zwei Stunden köstliche Speisen entstehen. Die Überschrift lautet: somalische Küche. Rasch verstärkt sich die Erfahrung, die sich schon beim Einkauf abzeichnete: Was das Internet als somalische Küche ausspuckt, hat wenig mit dem zu tun, was die somalischen Frauen aus ihrer Heimat kennen und lieben.
Was in dieser Situation geschieht, ist gar nicht so untypisch. Es wird miteinander gesprochen und zum Teil verhandelt. Die meisten einheimischen Eifelerinnen und Eifler lassen sich inspirieren und coachen, so dass gemeinsam Gekochtes entsteht. Beim Nachtisch entstehen hingegen zwei Varianten, da ist der höflich artikulierte Dissens, ob nach Rezept gekocht wird oder nach Gefühl, nicht zu überwinden.
Zwei Stunden lang gibt es ein herrliches Durcheinander und munteres Miteinander. Zunehmend sprechen alle mit allen, gleich ob man sich sprachlich versteht. Es gibt ja auch noch Hände und Gesicht. Je länger das gemeinsame Projekt dauert, umso mehr sich die Arbeitsergebnisse abzeichnen, je köstlicher die Düfte sind, die durch die Küche ziehen, umso weniger spielt es eine Rolle, was einer kann und woher er kommt.
Festlicher Abschluss: das gemeinsam Gekochte genießen
Auf der Zielgeraden ermattet der eine oder andere, aber die Gemeinschaft insgesamt bleibt dran. Und so wartet der Höhepunkt auf alle, die mitgeholfen, mitgekocht, geschnippelt, gerührt, gespült haben. Miki und einige Mitstreiterinnen haben den Speisesaal gastlich geschmückt. Vorfreudige, gespannte Gesichter lösen sich, wenn Gang für Gang feierlich hineingefahren, kurz erklärt und gemeinsam verzehrt wird.
Dieses Finale hat etwas Festliches an sich. Der Genuss ist groß. Es wird gefachsimpelt. Die Gespräche aus der Küche setzen sich fort. Es wird gelächelt und gelacht. Diese Zeit tut allen sichtlich gut. Somalische Küche ist eine tolle Erfahrung. Nächstes Mal ist eine andere Tradition dran. Entdeckungsfreude und Offenheit gehören zum Internationalen Kochen dazu. Die Tafel wird aufgehoben, mit vielen Händen gibt es ein schnelles Ende. Bis zum nächsten Mal.
Autor: Thomas Hohenschue
Ein Beitrag aus Anlass des diesjährigen Teresa-Bock-Preises. Bis zum 13. Juni können sich Projekte um die mit 10.000 Euro dotierten Auszeichnung bewerben. Gesucht sind Vorhaben, die sich "mit Herz und Haltung gegen Einsamkeit" einsetzen. Mehr Infos und die Möglichkeit der Online-Bewerbung unter https://caritasstiftung-aachen.de/teresa-bock-preis/teresa-bock-preis-2026/.