Für ein selbstbestimmtes und respektvolles Miteinander: Regeln, die für alle gelten
Selbstbestimmung und Respekt sind die roten Fäden, die sich durch eine kleine Broschüre ziehen. Sie ist für die Menschen mit geistigen und psychischen Einschränkungen entwickelt worden, die Wohnangebote des Trägers in der Städteregion Aachen in Anspruch nehmen. Entsprechend angepasst ist die äußere Form: Die Kernbotschaften der "Regeln für das Miteinander" sind in einfacher Sprache formuliert. Piktogramme übersetzen die Aussagen bildlich, damit auch Menschen, die nicht lesen können, die Aussagen nachvollziehen können.
Wichtige Themen werden angeschnitten, wie der Respekt vor den Grenzen von anderen Menschen und ihr Anspruch auf Schutz vor Gewalt. So wird auch die Sprache behandelt: "Wir überlegen, was wir sagen und wie wir etwas sagen." Raum erhalten auch sehr persönliche Themen wie Berühren, Küssen und der Umgang mit dem Intimbereich. Weil es im Alltag eine große Bedeutung hat, gibt es zudem Regeln für den Umgang mit Handys, Internet und sozialen Netzwerken. Umrahmt wird alles durch Erklärungen zur Bedeutung der Regeln.
Fachsprachlich wird so ein Regelwerk Verhaltenskodex genannt. Auf ihn verpflichten sich alle Menschen, die sich im System der Caritas Lebenswelten GmbH bewegen, erläutert Geschäftsführer Dr. Michael Bräuer. Mitarbeitende unterzeichnen den Kodex ebenso wie Klientinnen und Klienten der verschiedenen Wohnangebote, von den stationären Einrichtungen, die so genannte "besondere Wohnform", über Wohngemeinschaften bis hin zu ambulant betreuten Personen. Die Unterschrift bezeugt, dass man die Regeln für das Miteinander akzeptiert. Darauf kann sich dann jeder und jede im Alltag berufen, wenn es einmal schwierig wird.
Die Resonanz ist aufgeschlossen. Die Mitarbeitenden unterzeichnen eine ausführliche, präzise formulierte Version des Kodexes. Besonders stolz sind alle Beteiligten aber auf die Entwicklung der Version in einfacher Sprache. Daran mitgearbeitet haben zum Beispiel Jessica Esser, Elke Hallmann und Marco Bausen, die sich in Selbstvertretungsgremien der Caritas Lebenswelten engagieren, konkret der Klient*innenvertretung und des Bewohner*innenbeirats Wohnhaus Recker Park. Sie haben dafür gesorgt, dass jeder Satz sitzt und jedes Piktogramm verständlich ist.
Jessica Esser, Elke Hallmann und Marco Bausen (vorne, von links) sind stolz auf die Regeln für das Miteinander, die sie mit entwickelt haben. Hinter ihnen stehen Claudia Moll (MdB) und Dr. Michael Bräuer, Geschäftsführer der Caritas Lebenswelten GmbH.
Den dreien ist das Regelwerk ein Herzensanliegen, wie sie beim Besuch der Eschweiler Bundestagsabgeordneten Claudia Moll berichteten. Sie erzählten von Diskriminierung, Ausgrenzung und Benachteiligung, die Menschen mit geistigen oder psychischen Einschränkungen erfahren. Deshalb ist es ihnen wichtig, dass die "Regeln für das Miteinander" nicht nur nach innen wirken, sondern auch in der Öffentlichkeit für ein selbstbestimmtes und respektvolles Miteinander werben.
Claudia Moll sagte zu, sich dafür einzusetzen, und nahm gleich einen dicken Stapel mit nach Berlin, um sie dort Kolleginnen und Kollegen aus dem Bundestag zu überreichen. "Jeder Mensch sollte das in der Tasche haben und jeden Tag anschauen, dann würde es uns allen besser gehen." Diese Botschaft des prominenten Besuchs ließ die Gesichter strahlen. Ein munterer Austausch mit ehrlichen Statements - und dem Bekenntnis, dass es mehr Begegnungen dieser Art geben sollte, damit jeder Mensch versteht und danach handelt: "Nobody is perfect".
Autor: Thomas Hohenschue