Extreme Hitze: Auch Wohnungslose und Suchtkranke zählen zu den vulnerablen Gruppen
So krass wie in diesem Jahr war es selten, sagt Mark Krznaric. Er leitet das Café Plattform in Aachen. 2026 begann für die Einrichtung mit harten Kältetagen. Das Team appellierte an die Öffentlichkeit, auf die Menschen zu achten, die ihre Tage und Nächte auf der Straße verbringen. Man soll sie ansprechen, wenn es ihnen offensichtlich nicht gut geht, auf Hilfsangebote verweisen, selbst Hilfe rufen. Der Cafébetrieb hatte länger geöffnet, zum Aufwärmen, die Notschlafstelle und ihre heißen Duschen waren rund um die Uhr geöffnet, die Streetworker auch abends und nachts unterwegs.
Die Hitzewellen des Jahres 2026 setzten Wohnungslosen und Suchtkranken zu. Mark Krznaric und sein Team reagierten flexibel. Der Leiter des Café Plattform zieht aus dem Geschehen Lehren für die Stadtgesellschaft.Thomas Hohenschue
Wenige Monate später dann die Hitze. Wie alle anderen Menschen belastete sie die Wohnungslosen und Suchtkranken, gerade in einer Stadt wie Aachen, die auf extreme Hitze nicht gut eingestellt ist. Die Probleme betreffen alle Bürgerinnen und Bürger: versiegelte Flächen, die sich aufheizen, zu wenige Bäume und Grünflächen, die kühlen, zu wenige öffentliche Wasserstellen, die zudem häufig nicht gut erkennbar sind. Von Anlagen, die kühlenden Wassernebel sprühen, die es zum Beispiel in Wien und vielen südeuropäischen Städten gibt, kann man nur träumen.
Für wohnungslose und suchtkranke Menschen kommt hinzu, dass sie keinen privaten Rückzugsraum haben und sich auch in der Stadt an vielen Orten nicht aufhalten können, weil sie für das Niederlassen Geld bezahlen müssten. Die Flucht in kühlere Räume ist ihnen kaum möglich, jenseits der Hilfseinrichtungen wie dem Café Plattform. Hinzu kommen spezifische Probleme, etwa dass eine Sucht das eigene Körperempfinden stört, sprich Signale wie Durst oder Überhitzung werden nicht gehört. Da drohen Dehydrierung, Kreislaufprobleme, Sonnenbrand und Sonnenstich.
Wie im Winter hat sich das Team des Café Plattform auf diese Situation flexibel eingestellt. Im Café selbst gab es jetzt mehr erfrischenden Salat und endlos viel zu trinken, die Öffnungszeiten wurden rege genutzt, um sich abzukühlen. Die medizinische Ambulanz hatte sehr viel zu tun. Die Streetworker gingen vollbepackt mit Wasserflaschen durch die Stadt. Auch hier wäre ein Appell an die Öffentlichkeit denkbar gewesen. Zugleich war die Gesellschaft insgesamt mit den Hitzewellen, der Dürre und den Waldbränden beschäftigt, mit ihren Folgen für vulnerable Gruppen.
Mit Blick auf die eskalierende Klimakrise werden wir alle uns auf extreme Wetterereignisse einstellen müssen. Starkregen häuft sich. Klamotten lassen sich trocknen oder austauschen, sagt Mark Krznaric. Aber mit Kältewellen und Hitzewellen müssen wir besser umgehen lernen. Das Hilfssystem in Aachen ist ausgezeichnet. Aber die Stadt als öffentlicher Raum ist nicht gut vorbereitet. Die Anpassung an die Klimaveränderungen gehört auf die Tagesordnung. Auch die große Dauerbaustelle, ein Kernproblem, muss genannt werden: Es gibt zu wenig erschwinglichen Wohnraum.
Autor: Thomas Hohenschue