„Einsamkeit ist bei uns kein gesellschaftlich anerkanntes Problem“
Frau Trauzeddel, "Mit Herz und Haltung gegen Einsamkeit", lautet das Motto der Ausschreibung des Teresa-Bock-Preises 2026. Wie häufig taucht in ihrer ärztlichen und psychotherapeutischen Praxis das Thema Einsamkeit auf?
Antja Trauzeddel In meiner Arbeit als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie begegnet mir Einsamkeit täglich. Sie zieht sich durch alle Generationen und ist eng verzahnt mit psychiatrischen Erkrankungen. Patienten, die ich sehe, haben ein hohes Risiko zu vereinsamen. Viele von ihnen verfügen nicht über die Fähigkeiten, etwas dagegen zu tun. Sie kommen schwer mit anderen in Kontakt, ihnen fehlen finanzielle Mittel und Möglichkeiten.
Welche Gründe für Einsamkeit gibt es?
Antje Trauzeddel Gründe für Einsamkeit gibt es viele. Ich möchte das einmal an drei Altersstufen verdeutlichen:
Alte Menschen zum Beispiel sind nicht mehr so fit und mobil, der Partner und Freunde sind vielleicht schon gestorben, die Kinder sind aus beruflichen Gründen nicht vor Ort. All das erschwert die Möglichkeiten, mit anderen in Kontakt zu kommen. Hinzu kommt, dass wir es da mit einer Generation zu tun haben, die nicht über Einsamkeit spricht, die davon ausgeht, dass man das Los des Alters aushalten muss.
Bei Menschen mittleren Alters, also Menschen zwischen 30 und 65 Jahren, die ich behandle, ist es so, dass vor allem Menschen von Einsamkeit betroffen sind, die sich - aus welchen Gründen auch immer - nie groß um Beziehungen gekümmert haben oder sich nicht kümmern konnten. Es erfordert Mut, aus Situationen der Einsamkeit in soziale Kontakte zu kommen. Diesen Mut haben sie aber oft nicht. Hinzu kommt, dass Strukturen fehlen, die Einsamkeit vorbeugen. Zum Beispiel der Wohnungsmarkt: Er ist sehr stark ausgerichtet auf Einzelwohnen, auf Einfamilienhäuser. Projekte, wo Menschen zusammen wohnen, gibt es viel zu selten.
In jungen Jahren, ich spreche da von Menschen im Alter von 18 bis 29 Jahren, sind die Patienten, die ich sehe, oft schwer psychisch erkrankt. Eine Folge ist, dass sie es schwerer haben, in soziale Kontakte zu kommen. Junge Erwachsene, die Probleme haben, ins Leben zu finden, sind oft weit weg von Strukturen wie Schule und Ausbildung. Das erschwert es für sie deutlich, in soziale Kontakte zu kommen.
Antje Trauzeddel ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Stellv. Ärztliche Direktorin und Chefärztin im Alexianer Krankenhaus Aachen. Sie gehört der Jury des Teresa-Bock-Preises 2026 an.Thekla Ehling/Alexianer
Unabhängig von ihrer beruflichen Befassung mit dem Thema Einsamkeit, inwieweit beschäftigt oder interessiert Sie das Thema Einsamkeit?
Antje Trauzeddel Ich schaue immer ein wenig neidisch auf Länder, die staatlicherseits viel gegen Einsamkeit tun. In den nordischen Ländern gibt es staatliche Anti-Einsamkeits-Programme seit den 2010er Jahren und wurden in den 2020er Jahren verstärkt. Großbritannien richtete 2018 als erstes Land ein "Ministerium für Einsamkeit" ein. In Japan wurde 2021 aufgrund steigender Selbstmordraten ein Minister für Einsamkeit und Isolation ernannt. Durch diese Schritte erkennen die Länder an, dass Einsamkeit eine gesundheitliche und gesellschaftliche Herausforderung darstellt. Sie handeln nicht erst, wenn Einsamkeit und ihre Folgen problematisch zu werden drohen.
Wenn Sie das so sagen, frage ich mich: Was machen wir denn da in Deutschland anders im Umgang mit dem Thema Einsamkeit?
Antja Trauzeddel Einsamkeit ist bei uns kein gesellschaftlich anerkanntes Problem, es ist in weiten Teilen ein verschwiegenes Kapitel. Ich denke, wir müssten viel stärker deutlich machen, welche positiven Effekte es hätte, wenn Menschen nicht einsam wären. Wir müssen anerkennen, dass Einsamkeit ein ernstes Problem ist und dass unsere Zukunft derzeit nicht so gestaltet wird, dass es besser werden könnte. Früher gab es Dorfgemeinschaften, die Kirchengemeinden spielten eine andere Rolle, die Familien auch. Da gab es viel mehr Möglichkeiten des Zusammentreffens und der sozialen Verbindung. Auch Homeoffice trägt sicher seinen Teil zur Vereinsamung bei. Und etwas aus meiner Sicht sehr Wichtiges dürfen wir nicht übersehen, wenn wir über Einsamkeit sprechen: Überall dort, wo ein Austausch miteinander möglich ist, geschieht automatisch politische und soziale Bildung.
Sie gehören der Jury an, die über die Vergabe des Teresa-Bock-Preises 2026 "Mit Herz und Haltung gegen Einsamkeit" entscheidet. Warum haben Sie sich entschieden, in der Jury mitzuarbeiten?
Antje Trauzeddel Ich halte das Thema der Ausschreibung "Mit Herz und Haltung gegen Einsamkeit" für wichtiger denn je, weil es eine zentrale Aufgabe für Frieden, Demokratie und Wohlergehen ist, die nur mit Menschen für Menschen funktioniert. Und da mit zu schauen, welche guten Projekte es gibt und diese zu unterstützen, interessiert mich und ist mir ein großes Anliegen. Deshalb engagiere ich mich in der Jury.
Christian Heidrich führte das Gespräch.
Ein Beitrag aus Anlass des Teresa-Bock-Preises 2026. Bis zum 13. Juni können sich Projekte um die mit 10.000 Euro dotierten Auszeichnung bewerben. Gesucht sind Vorhaben, die sich "mit Herz und Haltung gegen Einsamkeit" einsetzen. Mehr Infos und die Möglichkeit der Online-Bewerbung unter https://caritasstiftung-aachen.de/teresa-bock-preis/teresa-bock-preis-2026/.