Einsamkeit begegnet uns in vielen Formen. Fast immer ist sie mit Scham behaftet
Ortstermin mit drei engagierten Frauen aus der Aachener Caritas. Durch die verwinkelten Räumlichkeiten des Referats Ehrenamt schallt fröhliches Gelächter. Die Kapitäninnen der Rikscha-Projekte treffen sich zum Team-Austausch. In einem anderen Raum sitzen drei Frauen zusammen, die sich in verschiedenen Rollen mit Einsamkeit beschäftigen. Sie nähern sich dem Thema aus mehreren Blickrichtungen.
Wenn das eigene Leben gefühlt immer ärmer wird
Ute Fischer sitzt mit am Tisch, die Gemeindesozialarbeiterin begleitet das Projekt Flaniermobil. Veronika Lancé gehört zu den Ehrenamtlichen, die sich dort mit Herzblut und Körperkraft einsetzen. Sie fahren Bewohnerinnen und Bewohner von Seniorenzentren mit Rikschas durch die Gegend. Begeistert schildert Veronika Lancé, wie die älteren Menschen aufleben, wenn sie noch einmal Straßen und Orte ihrer Kindheit und Jugend sehen und die Erinnerungen an die Oberfläche kommen. Die Frauen und Männer sprudeln über, sind dankbar und froh. Aber immer wieder erlebt die Ehrenamtliche dann diesen Moment - dass ihre Rikscha-Fahrgäste still werden und sagen: "Wem kann ich das jetzt erzählen?" Das macht Veronika Lancé nachdenklich und auch ein wenig traurig.
Drei engagierte Frauen von der Aachener Caritas, denen Einsamkeit in vielen Facetten begegnet: Veronika Lancé, Ute Fischer und Beate Forth (v.l.n.r.).Thomas Hohenschue
Die Dritte im Bunde, Ehrenamtskoordinatorin Beate Forth, kennt solche Situationen ebenfalls. Sie erinnert sich an die früheren Seniorenreisen der Aachener Caritas. An diesen beteiligten sich vor allem alleinlebende ältere Menschen. Da war niemand, mit dem sie den Alltag teilten und Besonderes erlebten. Immer mehr Menschen, die man gut kennt oder liebt, versterben oder werden dement. Das eigene Leben wird gefühlt immer ärmer, die Verbindung zur Außenwelt immer brüchiger. Mit diversen Initiativen versuchen die über 110 Ehrenamtlichen, die Ute Fischer begleitet, Kontrapunkte zu dieser Einsamkeitserfahrung zu setzen, ohne sie ganz aufbrechen zu können.
Menschen persönlich zu begegnen, kann schwerfallen
Die Schwellen, solche Angebote wahrzunehmen, sind für viele Menschen hoch, weiß Beate Forth. In ihre Zuständigkeit fallen zum Beispiel die ehrenamtlich betriebenen Seniorenbegegnungsstätten. Sie erlebt bei einigen Seniorinnen und Senioren die große Hürde, sich mit der eigenen Lebensphase selbst auseinanderzusetzen. Da heißt es dann: "Was soll ich da hingehen, da sind doch nur alte Leute?" Mit ihren Ehrenamtlichen bemüht sich Beate Forth um eine wertschätzende, offene und gastfreundliche Atmosphäre in den Treffs. Die Besucherinnen und Besucher werden aktiv angesprochen, um Barrieren abzubauen.
Die drei engagierten Frauen aus der Aachener Caritas entdecken Einsamkeit aber weit über den Kreis älterer Menschen hinaus. Rasch ist man bei den traumatischen Erfahrungen aus der Corona-Zeit, in der aufgrund Kontaktbeschränkungen und weiterer Infektionsschutzmaßnahmen ungezählte Leute aller Altersstufen Einsamkeit erlebt haben. Manches lebt bis heute fort, was damals erfahren wurde. Die stärkere digitale Ausrichtung des Alltags macht Angehörige aller Generationen einsam, da sie reale Begegnung nicht ersetzt. Besonders stark macht sich das bemerkbar, wenn man neu in einer Stadt ist oder wenn man gerade Single ist. Einsamkeit kann da sehr nah sein.
Lieber ausgebrannt oder depressiv sein statt einsam?
Es ist nicht immer das Alleinsein, das einsam macht. Ute Fischer erzählt von einem Rentnerpaar, das ins Café 4 You kommt. Der Treff gibt diesem Paar eine Tagesstruktur, seinem Leben einen Andockpunkt an die Außenwelt. Die Menschen, denen das Paar in gastlicher Atmosphäre begegnet, sind ihre einzigen Kontakte. Das ist ein gutes Beispiel für ein größeres Problem. Einsamkeit verfestigt sich, weil sie mit Scham behaftet ist. Ausgangspunkt ist oft die Hürde, die eigenen Grenzen und gewachsene Gebrechlichkeit anzuerkennen. Das ähnelt dem Muster vieler Menschen, die mit einer psychischen Erkrankung oder Sucht leben. Auch sie schämen sich und scheuen Außenkontakte.
Über Einsamkeit zu sprechen, weitet rasch den Blick und schärft ihn. Es sei wirklich traurig, dass das Thema noch so in der Nische steht, resümieren die drei engagierten Frauen und suchen nach Ursachen. In unserer Leistungsgesellschaft fällt es vielen Menschen schwer, sich und vor allem anderen gegenüber einzugestehen, dass man nicht perfekt ist und vielleicht sogar Schwierigkeiten hat. Wir leben in einer Zeit, in der unrealistische, digital allgegenwärtige Vorbilder zu kräftezehrender Selbstoptimierung drängen. Einsamkeit passt da überhaupt nicht ins Bild, obwohl psychische Belastungen im Prinzip anerkannter sind als früher. Aber da gelte: "Lieber ausgebrannt oder depressiv sein statt einsam."
Ein Beitrag aus Anlass des diesjährigen Teresa-Bock-Preises. Bis zum 13. Juni können sich Projekte um die mit 10.000 Euro dotierten Auszeichnung bewerben. Gesucht sind Vorhaben, die sich "mit Herz und Haltung gegen Einsamkeit" einsetzen. Mehr Infos und die Möglichkeit der Online-Bewerbung unter https://caritasstiftung-aachen.de/teresa-bock-preis/teresa-bock-preis-2026/.