Der D-Hof: eine Kontaktmaschine gegen die Einsamkeit von Kindern und Jugendlichen
Aus Alltagssituationen wie diesen weiß das pädagogische Team des D-Hofs in Aachen von den Einsamkeitsgefühlen. Leiterin Sandra Jansen hat sich umgehört und viele Eindrücke zusammengetragen. Explizit spricht kaum ein Kind oder Jugendlicher von Einsamkeit, aber indirekt schon. "Es fragt keiner nach, wann ich nach Hause komme", heißt es dann oder "Ich habe keinen, der mir zuhört und der mich unterstützt." Kinder vermissen Spielkameraden. In ihren Familien gibt es häufig eher wenig Spielverabredungen mit Kindern anderer Familien, Ausdruck von Rückzug oder Isolation.
"Ich bin immer alleine", sagt ein Kind. Das kann im wörtlichen Sinne sein, weil die Eltern unterwegs sind, auf der Arbeit oder anderswo. Kinder und Jugendliche nehmen ihre Mahlzeiten alleine vor dem Fernseher ein. Oder sie müssen zum Restaurant ihrer Eltern, dort ihre Zeit verbringen, weil es nicht anders geht. Manche Jugendliche hängen mehr als zehn Stunden täglich am Bildschirm, verbringen mehr Zeit im virtuellen als im realen Leben. Nach den Sommerferien sind sie voll genervt und gelangweilt - sie haben nur gezockt die ganze lange Zeit, in der der D-Hof für die Jüngeren Ferienspiele angeboten hat.
Sandra JansenD-Hof
Viele Kinder und Jugendliche fühlen sich unverstanden und einsam in der Schule. Sie schildern, dass sie gemobbt werden. Sportvereine sind nicht automatisch ein guter Ort für sie, wenn aus Sicht von Beteiligten dort die Leistung nicht stimmt. Dann sitzt man auf der Bank und muss auf seinen Einsatz warten - manchmal vergeblich. Ausgrenzung durch Gleichaltrige erfahren Kinder und Jugendliche auch, wenn sie in irgendeiner Form im Verhalten abweichen, zu laut, zu körperlich, zu distanziert wirken. Auch das macht einsam.
Bei geflüchteten Familien führen häufig weitere Aspekte zum schmerzlichen Gefühl der Einsamkeit. Ein Elternteil musste in der Heimat bleiben, manchmal auch Geschwister und andere Familienangehörige - die Kinder vermissen sie. Zur Einsamkeit trägt auch bei, wenn man sich noch nicht verständigen kann, Worte fehlen, weil man neu ist in diesem Land. Die Isolation von Menschen aus anderen Ländern oder mit niedrigem Einkommen, über die in der Politik und in der Bevölkerung immer wieder schlecht geredet wird, verstärkt die Probleme.
Die Kinder- und Jugendarbeit des Trägervereins vom D-Hof bietet eine Gegenwelt. Das beginnt beim Start der Offenen Ganztagsschulen, die sie gestaltet, und endet mit dem Schließen der Offenen Tür abends. Dazwischen gibt es jede Menge Angebote, die auf Gemeinschaft ausgelegt sind. "Unsere Kinder- und Jugendarbeit funktioniert wie eine Kontaktmaschine", resümiert Sandra Jansen. Eine Mitarbeiterin aus ihrem Team, die jede Woche mobil, aufsuchend im Viertel unterwegs ist, erhält regelmäßig Nachrichten und wird gefragt: "Bist Du heute hier und wo erreiche ich Dich?" Einsamkeit ist Alltag - Begegnung und Beziehung sind das Gegenmittel.
Ihre Erfahrungen und Sichtweisen bringt Sandra Jansen in die Jury des aktuellen Teresa-Bock-Preises ein. Sie sieht in der Einsamkeit von Kindern und Jugendlichen eine Herausforderung, die gesellschaftlich zu lösen ist. Oft stecken handfeste politische Aufgaben dahinter, wie zum Beispiel die Bekämpfung von Kinderarmut. "Wir können es uns vom ethischen Standpunkt her, aber auch wirtschaftlich nicht leisten, so viele Menschen zu verlieren", sagt sie und betont: Auch für eine gute Zukunft der Demokratie ist es wichtig, der Einsamkeit entgegenzuwirken.
Ein Beitrag aus Anlass des diesjährigen Teresa-Bock-Preises. Bis zum 13. Juni können sich Projekte um die mit 10.000 Euro dotierten Auszeichnung bewerben. Gesucht sind Vorhaben, die sich "mit Herz und Haltung gegen Einsamkeit" einsetzen. Mehr Infos und die Möglichkeit der Online-Bewerbung unter https://caritasstiftung-aachen.de/teresa-bock-preis/teresa-bock-preis-2026/.
Autor: Thomas Hohenschue