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Sozialcourage Generationen

„Wir brauchen eine gemeinsame Vision“

Was macht eigentlich eine Generation aus? Laut dem Psychologen und Generationenexperten Rüdiger Maas sind es besondere Bedingungen des Aufwachsens, die eine Generation von jeder anderen unterscheiden.

Herr Maas, wie würden Sie die in Deutschland lebenden Generationen kurz charakterisieren?

Die "stille Generation", geboren zwischen 1928 und 1945, wurde durch das Erleben des Kriegs und ein durch Tabuthemen und schwarze Pädagogik belastetes Verhältnis zu den eigenen Eltern geprägt. Arbeit wurde ihr Lebensinhalt. Die Babyboomer, geboren bis Mitte der 1960er, sind aktuell die größte Kohorte. Sie wuchsen im Wiederaufbau auf, hatten viel Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und ein starkes Arbeitsethos. Nun scheiden sie aus, und die Generation Z (ab 1996), die kleinste Kohorte, kommt mit völlig anderen Vorstellungen auf den Arbeitsmarkt. Das erzeugt Reibung.

Die Grafik zeigt den Anteil der jeweiligen Generationen an der Gesamtbevölkerung in Prozent. Auf dem roten Kampagnenkarton steht ein Mädchen mit langen blonden Haaren, hinter ihr die jeweiligen Balken von der

Und die Generation X und Y?

Die "Generation X", geboren zwischen 1965 und 1980, wuchs im Kalten Krieg auf, grenzte sich in Subkulturen ab und wollte in ihrer Jugend vor allem nicht wie ihre Eltern sein. Heute ist das Gegenteil der Fall: Die Gen Z strebt in den Mainstream. Die "Millennials" oder "Gen Y", geboren 1981 bis 1995, hatten die letzte analoge Kindheit, erlebten den digitalen Umbruch. Die "Generation Z" ist komplett digital sozialisiert, steht medial im Fokus, hat politisch wenig Gewicht – und hatte lange viele Optionen auf dem Arbeitsmarkt.

Der Arbeitsmarkt soll sich nun aber wieder drehen?

Ja. Es heißt, junge Akademiker würden heute weniger stark eingestellt, weil sie zu wenig Erfahrung hätten, zu viel forderten und zu wenig könnten. Das ist eine Reaktion auf die letzten Jahre und den allgemeinen Stellenabbau.

Welche Vorurteile zu Generationen gibt es?

Da fallen mir gleich zwei große Vorurteile ein. Erstens: Die gesamte Generation Z sei nachhaltig und digital fit. Das trifft jedoch nur auf einen kleinen Teil zu. Der Großteil konsumiert viel und digital meist nur passiv – Wischen und Liken macht nicht kompetent. Und ökologisch-nachhaltig denkt auch nur ein Teil. Bei der vorletzten Bundestagswahl haben Erstwählende den Grünen und der FDP in etwa gleich viele Stimmen gegeben, aber bei der letzten Bundestagswahl den Linken und der AfD. Zweitens, die Babyboomer hätten die Umwelt zerstört. Das stimmt so nicht. Umweltbewegungen wie die Grünen kamen aus dieser Generation. Damals reagierte man schnell auf Probleme wie das Ozonloch, es folgte ein radikales FCKW-Verbot! Heute würde niemand auf KI oder Fernreisen verzichten.

Wie prägen aktuelle Krisen die Generationen?

Studien zeigen: Jüngere nehmen die aktuellen Krisen wie den Ukraine- oder Gaza-Krieg oft leichter als Ältere, medial wird es aber genau andersherum dargestellt. Die Generation X hingegen ist mit Bedrohungen wie Tschernobyl, saurem Regen, Kaltem Krieg und so weiter aufgewachsen – jedoch ohne panische Eltern.

Je älter die Menschen sind, desto schlimmer finden sie aktuelle Krisen. Was den Jungen wirklich zu schaffen macht, sind Social Media und die ältere Generation, die ihnen permanent jammernd einredet, wie schlimm alles ist. Dadurch nehmen die Älteren den Jüngeren die Zukunft und am Ende übernehmen sie dieses Katastrophendenken. Eigentlich könnten sich die Jüngeren zum Beispiel viel besser auf die Klimakrise einstellen, denn sie kennen es nicht anders. Aber sie hören ständig, wie viel besser und sicherer es früher war.

Welchen Einfluss haben Netzwerke wie Instagram oder Tiktok?

Der immer intensivere Gebrauch von Social Media ist stark mit dem Anstieg an Angststörungen und Depressionen assoziiert. Ängste und Sorgen steigen – gerade bei den Jüngeren. Studien zeigen, dass sich junge Menschen deutlich einsamer fühlen als die Babyboomer-Generation. Diese scheint resilienter, weil sie auch in der analogen Welt sozialisiert wurden und Hürden oft selbst meistern mussten. Ich bin davon überzeugt, dass die Jungen inzwischen oft zu abhängig von digitalen Geräten sind. Sie tun sich schwer, ohne "digitale Hilfe" diverse Hürden selbst zu meistern - und sei es nur, eine Entscheidung zu treffen. Wir sollten Kindern daher so viel analoge Kindheit, wie es geht, ermöglichen.

Verstehen sich die Generationen überhaupt noch?

Dass Jung anders kommuniziert und sich anders verhält als Alt, ist absolut wichtig – das bedeutet Fortschritt – und das war schon immer so. Dass sie sich nicht immer verstehen, ist daher eher gut. Heute versucht man, eine Zwangsharmonie herzustellen. Dabei gab es noch nie eine so enge emotionale Bindung zwischen Eltern und Kindern wie heute. Man versucht sich maximal zu verstehen.

Hat das maximale Verstehen auch eine Kehrseite?

Ja! Oft wollen Eltern nicht, dass die Kinder flügge werden, und bereiten sie nicht darauf vor – Überbehütung. Junge Erwachsene bleiben dann länger daheim, weil es bequem ist. Das ist das Gegenteil von Selbstständigkeit und verhindert, dass junge Menschen einen realistischen Blick aufs Leben entwickeln.

Was bringen junge Menschen mit in die Arbeitswelt?

Positiv ist, dass sie in einigen Bereichen den Arbeitgeber wählen können und damit höhere Ansprüche an Führung und Arbeitskultur stellen. Das zwingt Unternehmen dazu, sich zu verbessern. Negativ ist die oft utopische Erwartung, dass Arbeit permanent Spaß machen und die Umgebung sich anpassen muss. Schon bei kleinen Unstimmigkeiten kündigen viele schnell – zu schnell. Nicht-Akademiker agieren hier oft anders, da sie früher in die Arbeitswelt kamen, oft schneller gelernt haben, sich anzupassen, und infolgedessen auch resi­lienter sind.

Wie fair ist das Rentensystem?

Die Grafik benennt die Generationen von 1928–2025. Sie werden durch sieben rote Kampagnenschuhkartons symbolisiert, neben denen ein Junge im roten Pulli steht. Ganz unten ist die

Es ist objektiv höchst ungerecht. Die Jungen zahlen ein, werden aber kaum eine auskömmliche Rente erhalten. Den Älteren einen Vorwurf zu machen, hilft nicht – sie wurden in dieses System hineingeboren. Wir müssen generationenübergreifend denken und das System reformieren, statt es statisch weiterzuführen. Man könnte für Kinder, die jetzt geboren werden, beispielsweise fondsbasierte Modelle einführen. Wir brauchen eine neue, gemeinsame Lösung und eine gemeinsame Vision, die alle Generationen einbindet – aber dennoch generationenspezifisch denkt!

Was liegt Ihnen als Beirat der Stiftung für zukünftige Generationen am Herzen?

Dass die junge Generation mindestens dieselben Chancen auf ein lebenswertes Leben hat wie wir. Das betrifft Klima, Finanzen, Rente und auch Digitalisierung. Wir rauben Kindern eine unbeschwerte Kindheit, wenn wir sie zu früh und unkontrolliert digitalen Geräten aussetzen.

Müssen besonders die Jüngeren unsere Gesellschaft verbessern?

Die Älteren sollten nach wie vor die Vorbilder sein. Wir können die Jungen nicht vor den Karren spannen und sagen, sie sollen die Welt retten, während wir passiv bleiben. Wir müssen gemeinsam eine neue gemeinsame Vision entwickeln, einen moralischen Kompass, der für alle Generationen gilt. Wir brauchen wieder eine gemeinsame Klammer und Richtung, in die sich jeder, seinem Alter entsprechend, einbringen kann.

Autor/in:

  • Ingrid Jehne
Sozialcourage Ausgabe Sozialcourage, 01/2026/2026: caritas.de
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