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Interview Caritas in der Ukraine

"Ein Krisenplan darf nicht zum Korsett werden"

[Okt. 2026] - Seit mehr als vier Jahren arbeitet die Caritas-Spes Ukraine unter den Bedingungen des russischen Angriffskrieges. Olena Voichyk, ­stellvertretende Direktorin und Leiterin der Hilfsprogramme, erklärt, was Krisenfestigkeit bedeutet.

Lächelnde Frau mit schulterlangen, blonden Haaren, die ein weißes Caritas-Polohemd trägt und vor einer Hecke stehtTrotz des Krieges nicht nur zu arbeiten, sondern auch zu leben – auch das ist für Olena
Voichyk eine Form von Resilienz.
Foto: Caritas-Spes

Caritas in NRW Seit mehr als vier Jahren müsst ihr euch immer wieder auf neue Situationen einstellen. Was habt ihr über Krisenfestigkeit gelernt?

Olena Voichyk: Vor allem: Auf eine Krise wie einen Krieg kann man sich nie vollständig vorbereiten. Eigentlich haben wir schon seit 2014, seit der Besetzung der Krim, unter den Bedingungen des Krieges gearbeitet. Gemeinsam mit Caritas Internationalis und Caritas Ukraine hatten wir einen Notfallplan erarbeitet. Aber als im Februar 2022 Russland angriff, funktionierte alles ganz anders, als es auf dem Papier stand. Der 24. Februar hat alles verändert. Entscheidend war nicht nur, dass wir einen guten Plan hatten, sondern dass unsere Organisation schnell reagieren, lernen, Entscheidungen treffen und sich anpassen konnte.

Caritas in NRW: Was war in den ersten Wochen besonders wichtig?

Olena Voichyk: In einer akuten Krise kann man nicht jede Entscheidung zentral treffen. Die Menschen vor Ort wissen besser, was gerade gebraucht wird. Wir hatten deshalb täglich kurze Treffen mit unseren lokalen Direktoren in den vom Krieg betroffenen Regionen. Und wir haben gelernt, wie wichtig Vertrauen ist - innerhalb der Organisation, zu Gemeinden und Pfarreien, aber auch zu unseren internationalen Partnern. Eine gute Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt ist wichtiger als eine perfekte Entscheidung, die zu spät kommt. Bürokratie stört in einer solchen Situation sehr.

Caritas in NRW: In Deutschland versuchen wir, uns mit Notfallplänen auf Krisen vorzubereiten. Wie wichtig sind solche Pläne - und wie wichtig ist Improvisation?

Olena Voichyk: Man braucht beides. Notfallpläne geben Orientierung: Wer entscheidet? Wer kommuniziert? Welche Ressourcen stehen zur Verfügung? Aber ein Plan darf nicht zu einem Korsett werden. Wenn die Realität anders aussieht, muss eine Organisation den Mut haben, vom Plan abzuweichen. Ein guter Notfallplan schreibt deshalb nicht jede Handlung vor, sondern schafft einen Rahmen, innerhalb dessen Menschen selbstständig handeln können.

Ein Junge in Winterkleidung klettert auf einem Klettergerüst in einem ukrainischen Kriegsgebiet. Das Gerüst steht vor einer Kirche, die kriegsbedingte Beschädigungen aufweist.Schon mehr als vier Jahre dauert der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Die Menschen müssen sich daran anpassen und dürfen die Hoffnung nicht verlieren.Foto: Caritas-Spes

Caritas in NRW: Was bedeutet das für die Finanzierung von Hilfen?

Olena Voichyk: Wir brauchen Gelder, die flexibel eingesetzt werden können. Bei einem unserer Emergency-Projekte waren die Ausgaben sehr genau vorgeschrieben. Eine Genehmigung, Geld etwa für Evakuierungen oder Pumpen einzusetzen, konnte zwei Wochen dauern. Das ist in einer solchen Situation viel zu lang.

Auch zu Beginn des Krieges kamen Tausende Binnenvertriebene zu uns, während wir zunächst kein Geld für Lebensmittel und notwendige Geräte hatten. Wir konnten diesen Menschen nicht sagen: "Bitte wartet, unsere Partner müssen erst unser Budget prüfen." Deshalb braucht es einen Notfallfonds, auf den man sofort zugreifen kann - und über dessen Verwendung man erst anschließend Rechenschaft ablegt.

Caritas in NRW: Welche Rolle spielen persönliche Beziehungen und lokale Netzwerke für die Krisenfestigkeit?

Olena Voichyk: Vertrauen und lokale Netzwerke sind keine Ergänzung zum Krisenmanagement, sie sind ein Teil davon. Caritas-Spes war schon vor dem Krieg in vielen Gemeinden präsent. Priester, lokale Caritas-Organisationen und Freiwillige kennen die Menschen und ihre Bedürfnisse. Solche Beziehungen kann man in einer Krise nicht innerhalb von zwei Wochen aufbauen. Entweder sie existieren vorher, oder sie fehlen genau dann, wenn man sie am dringendsten braucht. Das gilt auch für internationale Partnerschaften. Ich arbeite seit 25 Jahren bei Caritas-Spes. Die persönlichen Beziehungen aus dieser langen Zeit haben uns in der Krise sehr geholfen.

Caritas in NRW: Die Mitarbeitenden der Caritas sind selbst vom Krieg betroffen. Wie geht ihr mit dieser Belastung um?

Einige Ukrainer*innen liegen schlafend in Schlafsäcken vor einer Backsteinmauer"Natürlich gibt es Momente, in denen ich denke: Ich kann das nicht mehr ertragen", sagt Olena Voichyk.Foto: Caritas-Spes

Olena Voichyk: Wir sind daran gewöhnt, anderen zu helfen. Dabei vergessen wir manchmal unsere eigenen Kolleginnen und Kollegen. Auch unter ihnen sind Binnenvertriebene. Die Angriffe belasten uns psychisch und körperlich. Nach schweren nächtlichen Angriffen finden deshalb mindestens bis mittags keine Meetings statt. Wer einen Angriff in unmittelbarer Nähe erlebt hat, kann auch den ganzen Tag freinehmen. Denn es ist unmöglich, unter einem solchen Stress normal zu arbeiten.

Caritas in NRW: Wenn du der Caritas in Deutschland drei Empfehlungen geben solltest, um sich auf künftige Krisen vorzubereiten - welche wären das?

Olena Voichyk: Erstens: Investiert in Beziehungen, bevor die Krise beginnt. Nicht nur in Partnerschaftsverträge, sondern in persön­liche Kontakte, lokale Netzwerke und Beziehungen zu Behörden.

Zweitens: Dezentralisiert Entscheidungen und schafft klare Verantwortlichkeiten. Die Menschen müssen selbstständig entscheiden dürfen, wenn die normalen Strukturen nicht mehr funktionieren. Sie können die Situation vor Ort besser beurteilen.

Und drittens: Erstellt nicht nur Pläne, sondern übt Anpassungsfähigkeit. Man sollte nicht nur fragen: "Haben wir einen Notfallplan?", sondern auch: "Was passiert, wenn dieser Plan morgen nicht funktioniert?"

Das Interview führte Markus Jonas.

www.caritas-spes.org/en



Weitere Beiträge zum Thema "Europa" finden Sie in unserem Themendossier.

Autor/in:

  • Markus Jonas
  • Olena Voichyk
Quelle: caritas-nrw.de
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Doch die Arbeit der Caritas ist wirksam. Kolleginnen und Kollegen arbeiten trotz allem
weiter, helfen Menschen und sind dankbar für die große Solidarität aus anderen Ländern. (Foto: Caritas-Spes) Eine Frau und zwei Männer stehen vor einigen zerstörten Gebäuden und reden miteinander. Die Männer tragen dabei orangene Warnwesten der Caritas-Spes. (Foto: Caritas-Spes)

Mitarbeitende der Caritas-Spes vor zerstörten Gebäuden

Doch die Arbeit der Caritas ist wirksam. Kolleginnen und Kollegen arbeiten trotz allem weiter, helfen Menschen und sind dankbar für die große Solidarität aus anderen Ländern.

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