Familien im täglichen Wahnsinn zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Was hilft?
Ortstermin an der Heinrichsallee in Aachen. Ursula Götz und Maren Kayser kennen den heutigen Alltag von Familien sehr gut. Sie arbeiten in der Aachener Fachstelle für Familienpatenschaften. Das heißt, sie bringen Familien mit Menschen zusammen, die als Patin oder Pate helfen wollen. Dass für ein paar Stunden in der Woche jemand in die Familie geht, entlastet und stärkt diese spürbar.
Aus den Gesprächen mit den Eltern nehmen die beiden Sozialarbeiterinnen mit, wie es an der heutigen Familienfront aussieht. Sie haben sich auf ein Wort geeinigt, das den Alltag von Familien gut kennzeichnet: Wahnsinn. Dieses Wort fasst zusammen, unter welchem Druck heutige Eltern stehen. Sie beobachten diesen Druck überall, bei gut situierten Paaren, bei Alleinerziehenden, bei Menschen mit geringem Einkommen.
Zwei Frauen schauen in die Kamera. Hinter ihnen ein Plakat, das ein Kind und eine ältere Frau zeigt. Das Plakat wirbt für einen Einsatz bei den Familienpatenschaften.Thomas Hohenschue
Woraus speist sich der Druck? Ursula Götz und Maren Kayser skizzieren das Gesamtbild. Da sind zum einen die faktischen Probleme. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in Zeiten eines hohen Erwerbsdrucks leichter gefordert als umgesetzt. Denn selbst wenn alles gut geregelt ist, kann es gut sein, dass alle Planungen für die Katz sind. Wenn früh morgens die Absage der Kita kommt, die Gruppe geschlossen wird, ist das purer Stress.
Gut, wenn man ein soziales Netz hat, das diese Nöte auffängt. Viele Familien, die sich bei der Fachstelle melden, haben ein solches Netz nicht. Zum Beispiel ist man der Arbeit wegen in eine andere Stadt oder Region gezogen, kennt vielleicht noch nicht so viele Leute, Großeltern oder andere nahe Verwandte sind weit weg. Was tun? Partner müssen es unter sich aushandeln, schwer genug. Alleinerziehende sind damit komplett alleingelassen.
Zu den faktischen Problemen, die den Druck auf heutige Familien ausmachen, treten zum anderen wachsende Erwartungen. Die Gesellschaft ist insgesamt anspruchsvoller geworden, was die Erziehung und frühkindliche Bildung betrifft. Ungebetene Ratschläge an Eltern haben schon immer gestresst. Heute prasseln sie im Stakkato sozialer Medien auf Mütter und Väter ein, häufig widersprüchlich, fachlich wenig valide. Verunsicherung ist eine häufige Folge.
Familienpatinnen und -paten können zumindest für den Moment ein wenig Ruhe in den Wahnsinn bringen. Kinder kommen sehr gut mit unterschiedlichen Haltungen zurecht. Das heißt, wenn ihnen jemand plötzlich ungewohnte Grenzen setzt oder ihnen im Gegenteil mehr Freiraum zugesteht, passt das für sie. Manchmal entlastet der etwas andere Erziehungs- und Umgangsstil älterer Generationen die, die heute in der Elternrolle unterwegs sind.
Was alle verbindet, ist der Wille, das Beste für die Kinder zu tun. Der Perfektionsdruck, den sich viele heute auferlegen, belastet sehr. Hinzu kommt, dass auch beruflicher Alltag und private Lebensführung häufig dichter sind als früher. Gefühlt wird in allen Lebensbereichen an den Eltern gezerrt. Umso mehr bräuchten Familien verlässliche Rahmenbedingungen und finanzielle Entlastung. Die politische Diskussion führt so gesehen in die völlig falsche Richtung.
Das zeigt auch die Warteliste bei der Fachstelle, auf der immer rund 30 Familien stehen. Ursula Götz und Maren Kayser feiern jeden Menschen, der sich als Familienpatin oder -pate engagieren möchte. Wer sich hier engagiert, tut wirklich Wichtiges in diesem Wahnsinn, dem Familien ausgesetzt sind. Die Erfahrung zeigt, dass ganz viel zurückkommt und das eigene Leben durch so ein Engagement an menschlichem Reichtum gewinnt.
Wer engagiert sich als Familienpatin oder Familienpate im Bistum Aachen? Das lesen Sie auf der Internetseite Familienpaten im Portrait.