Demenz fordert heraus. Aber gehören die betroffenen Menschen nicht weiter dazu?
Ortstermin in der Geschäftsstelle des Diözesancaritasverbandes Aachen. Die Seelsorgerin Anja Joye und Fachreferentin Bettina Hoffe sprechen angeregt über die Herausforderungen, vor der Kirche, Caritas und Gesellschaft stehen. Wie wahren wir die Würde der Menschen mit Demenz, berücksichtigen ihre Bedürfnisse und Gefühle und ermöglichen ihnen weiter Teilhabe? Sicher artikuliert sich jemand häufig nicht mehr wie früher und zeigt ein anderes Verhalten als erwartbar. Was aber innendrin in ihm los ist, was er denkt, woran er sich erinnert, was er fühlt, ist eine ganz andere Sache. Das auszuleuchten, als Schatz zu heben, der in dem Menschen schlummert: Das ist hohe Kunst.
Bettina Hoffe und Anja Joye setzen sich für demenzsensible Seelsorge in Einrichtungen der verbandlichen Caritas ein und sehen darin auch Impulse für Kirche und Gemeinden insgesamt.Thomas Hohenschue
Vielfach beherrschen aber Unwissenheit und Missverständnisse das Bild, berichten Anja Joye und Bettina Hoffe. Da spricht zum Beispiel die Familie im Beisein des demenzerkrankten Menschen über ihn, als ob er nicht da wäre. Dabei ist erwiesen, dass die meisten Betroffenen das Gehörte verstehen, auf jeden Fall emotional, oft aber auch kognitiv. Es ist in jeder Hinsicht falsch, jemanden abzuschreiben und ihn nicht direkt zu adressieren. Es ist somit auch falsch, die Person nicht nach ihren Bedürfnissen zu fragen, ihr einfach etwas ohne Rückversicherung aufzudrängen und nicht darauf zu achten, ob sich sie sich damit wohlfühlt oder auch nicht.
Mitarbeitende aus Einrichtungen, die am Seelsorgekurs teilnehmen, begleiten mit Geduld, Einfühlungsvermögen und Sensibilität die Suche nach dem Willen und den Wünschen von demenziell erkrankten Menschen. Regungslosigkeit des Gegenübers fordert ebenso heraus wie Unruhe. Es gilt, Geschehenes und Gesagtes mit sicht- und hörbaren Gefühlsäußerungen in Verbindung zu bringen, um zu verstehen, worum es in einer Situation geht, mit Respekt und Achtsamkeit.
Da der Alltag in vielen Einrichtungen wenig Luft lässt, bietet nebenamtliche Seelsorge eine zusätzliche Möglichkeit, Betroffene, Angehörige und Mitarbeitende demenzsensibel zu begleiten. Hier gilt es, für demenziell veränderte Menschen Angebote zu schaffen, bei denen diese weiterhin ihren Glauben leben und zum Ausdruck bringen sowie am gemeinschaftlichen Leben teilhaben können. Denn religiöse Rituale, Lieder und Gebete können einen ungeahnten Schatz der Erinnerung wachrufen.
Lässt sich aus den Erfahrungen in der einrichtungsbezogenen Seelsorge etwas für die Gemeindeseelsorge lernen? Im Prinzip ja, aber das ist leichter gesagt als getan, diskutieren Anja Joye und Bettina Hoffe. Die Frage, auf die es hinausläuft, lautet letztlich: Ist die Gemeinde bereit, die Menschen mit Demenz in ihrer Mitte zu lassen? Wenn sie das bejaht, muss sie auch bereit sein, mit den Besonderheiten dieser Gemeindemitglieder zu leben, auch wenn es Abläufe und Situationen unterbricht und belastet.
Denn es bleibt dabei: Demenzerkrankte Personen waren, sind und bleiben Teil der Kirche und ihrer Gemeinden, wie sie insgesamt Mitglieder unserer Gesellschaft waren, sind und bleiben. Weitergebildete Seelsorgerinnen und Seelsorger können mit ihrer Expertise und Haltung einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass dementiell veränderte Menschen ihren Platz in der Kirche behalten - im wörtlichen und im übertragenen Sinne.
Ein Gespräch aus Anlass des Weltalzheimertages am 21. September 2026.
Autor: Thomas Hohenschue