Caring Communities für eine gute Versorgung am Lebensende
Dr. Felix Grützner von ALPHA NRW, der Ansprechstelle im Land zur Palliativversorgung und HospizarbeitFoto: Christoph Grätz
"Wie gestalten wir Sorge und Versorgung am Lebensende in einer vielfältigen Gesellschaft?" - mit dieser Frage beschäftigten sich rund 80 Fachkräfte aus den Bereichen Hospiz, Krankenhaus, Altenhilfe und Eingliederungshilfe der Caritasverbände in NRW am 28. Januar 2026 im Rahmen eines Fachtags in Essen. Dabei standen vor allem praxistaugliche Konzepte und deren Umsetzung im Vordergrund. Denn in einem waren sich Referenten und Teilnehmende einig: Dieses Thema ist relevant und es betrifft alle. Matthias Schmitt, stellvertretender Direktor des Caritasverbandes für das Erzbistum Köln, sprach von "einer der größten Herausforderungen dieser Zeit". Ein "Weiter so" werde es nicht geben, vielmehr sei an vielen Stellen nötig, die Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen grundlegend neu zu denken. Dabei spielten "Caring Communities", so genannte "sorgende Gemeinschaften", wie sie auch im Koalitionsvertrag auf Bundesebene bereits ausdrücklich hervorgehoben würden, eine herausragende Rolle. Dieses Konzept gebe Antwort auf Einsamkeit, Isolation und die oft fehlende Unterstützung in Alter, Krankheit und Sterben. Es gehe eben nicht nur um professionelle Hilfe, sondern auch um gutes Leben und ein würdevolles Miteinander bis zum Schluss: "Eine echte Caring Community erkennt, dass jeder Einzelne einen Beitrag leisten kann, und dass Pflege und Unterstützung nicht nur Aufgabe von Fachkräften, sondern der Gemeinschaft insgesamt sind."
Ganzheitliche Begleitung fehlt
Frank Gunzelmann von ALPHA NRW, der Ansprechstelle im Land zur Palliativversorgung und HospizarbeitFoto: Christoph Grätz
Mit welchen Stolpersteinen Menschen in ihrer letzten Lebensphase zu kämpfen haben, machten Dr. Felix Grützner und Frank Gunzelmann von ALPHA Rheinland, der landesweiten Ansprechstelle zu Palliativversorgung, Hospizarbeit und Angehörigenbegleitung, in einer szenischen Darstellung deutlich: Ein unheilbar an Lungenkrebs erkrankter, alter Mann begibt sich auf eine Odyssee durch Arztpraxen und Krankenhäuser, kämpft sich erfolglos durch den Behördendschungel, scheitert am medizinischen Fachjargon und hat Schwierigkeiten, mit der fortschreitenden Digitalisierung Schritt zu halten. Obwohl er schwer allein zurechtkommt, lebt er ohne fremde Hilfen in den eigenen vier Wänden. Aus Freundeskreisen zieht er sich zurück, aus Angst, zur Last zu fallen. Seine Kinder leben weit entfernt, mehr als telefonieren geht nicht. Die Folge: Einsamkeit und Depressionen.
Das Problem liege nicht in fehlender medizinischer Versorgung oder mangelnden Angeboten für finanzielle Hilfen oder psychologische Begleitung, so Gunzelmann, sondern in der fehlenden Koordination: "Eine ganzheitliche Begleitung gibt es nicht. An der Praxistür hört es auf. Es fehlt jemand, der Hilfebedürftige an die Hand nimmt, Formulare ausfüllt und einreicht, die richtige Ansprechperson findet und Unterstützung koordiniert. Jemand, der Zeit hat, über existenzielle Fragen zu sprechen. Die Ärzte haben dafür keine Zeit. Das ist in der Versorgung nicht vorgesehen."
Veronika Schönhofer-Nellesen, Leiterin des Bildungswerkes Aachen und Geschäftsführerin des Vereins Palliatives Netzwerk für die Region AachenFoto: Christoph Grätz
Lösung: Caring Communities
Wie eine Lösung aussehen könnte, machte Veronika Schönhofer-Nellesen, Leiterin des Bildungswerkes Aachen und Geschäftsführerin des Vereins Palliatives Netzwerk für die Region Aachen, am Beispiel der "Caring Community" deutlich. 2025 habe der Runde Tisch der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland eine Handlungsempfehlung vorgelegt, um das Konzept der Caring Communities zu stärken. Kernpunkt sei die Verknüpfung von professioneller Regelversorgung und ehrenamtlicher Arbeit. Dafür brauche es Bündnisse. Kommune, professionelle Dienstleister der Sozialwirtschaft, Ehrenamtliche, Freiwilligendienste, Gemeinwesenarbeit, Stiftungen und Firmen müssten eng zusammenarbeiten. "Jeder ist ein Stück mitverantwortlich, wenn es um Krisen, um Abschied, um Sterben geht. Das betrifft uns als Gesellschaft insgesamt", bekräftigte die Expertin.
Ein Beispiel sei der Runde Tisch in Aachen zum Thema "Hospiz", der bereits seit 1995 existiert. Hier werde darüber diskutiert, wie die Prävention in der Gesundheitsförderung verbessert, wie die professionellen Hilfen mit dem Ehrenamt verzahnt und wie man beispielsweise Suiziden vorbeugen könne. "Grundlegend ist für uns die Frage nach dem guten Leben für alle. Bis zum Schluss", so Schönhofer-Nellesen.
Seniorenlotsen im Quartier
Foto: Christoph Grätz
Etabliert hat sich in Aachen beispielsweise der Einsatz von Seniorenlotsen und -lotsinnen, die im Quartier als geschulte Ansprechpersonen für hilfebedürftige Menschen und ihre Angehörigen zur Verfügung stehen. Sie unterstützen bei der Vermittlung von Pflegediensten und Beratungsangeboten und geben Auskunft zu Hilfeleistungen.
Für Schönhofer-Nellesen ist das Konzept der "sorgenden Gesellschaft" angesichts mangelnder personeller wie finanzieller Ressourcen, einer von Krisen erschöpften Gesellschaft und zunehmender Eigenverantwortung in der Daseinsvorsorge alternativlos. "Es braucht eine Graswurzelbewegung, politische Rahmenbedingungen und die Bereitschaft der Institutionen, das zu unterstützen", skizzierte die Fachfrau notwendige Bedingungen.
Prof. Dr. Roman Rolke, Direktor der Klinik für Palliativmedizin an der Uniklinik RWTH AachenFoto: Christoph Grätz
Suizid vorbeugen
Prof. Dr. Roman Rolke, Direktor der Klinik für Palliativmedizin an der Uniklinik RWTH Aachen, beleuchtete aus philosophischer und theologischer Sicht, was es bedeutet, Menschen am Lebensende bestmöglich zu begleiten. "Dasein, Aushalten, Vertrauen. Es ist es wichtig, einfach nur da zu sein", erklärte Rolke. Mitunter müsse man auch Spannungen aushalten, zum Beispiel, wenn ein schwerstkranker Mensch den Wunsch äußere zu sterben. "Der Wunsch zu sterben, ist eigentlich der Wunsch, so nicht mehr leben zu wollen." Aber vielleicht könne das Unerträgliche erträglich gemacht werden: Neben medizinischer Versorgung gebe es auch psychologische Hilfen, so der erfahrende Palliativmediziner. Um Suiziden vorzubeugen, müssten Menschen das Vertrauen haben, offen über den Tod oder ihren Sterbewunsch sprechen zu können. Dann könne man auch Alternativen aufzeigen, wie zum Beispiel die Zusage, jemanden in seinen letzten Stunden nicht allein zu lassen - "für eine würdevolle Begleitung bis zuletzt".
Diese Vorträge gaben den 80 Caritas-Fachkräften reichlich Anlass zu Diskussionen in den Kleingruppen am Nachmittag.