Auch Männer brauchen Schutzräume - im übertragenen Sinne und manchmal wörtlich
Ortstermin beim SKM in Rheydt, im Büro von Christoph Föhles. Dort empfängt der Sozialarbeiter Männer zum vertraulichen, offenen Gespräch. Stiller Beobachter ist ein Elefant, der mit großen Ohren und geweiteten, sensibel, fast verschreckt wirkenden Augen den Betrachter anschaut. Für den Berater steht das Bild für die innere Lage vieler Männer, die zu ihm kommen.
Zu Christoph Föhles, Berater beim SKM in Rheydt, kann jeder Mann mit jedem Thema kommen. Thomas Hohenschue
Die Wege, die zu ihm führen, sind so vielfältig wie die Situationen, die Leid verursachen. Die meisten Männer, welche das Backsteingebäude an der Waisenhausstraße betreten, wurden geschickt. Meistens sind es Institutionen wie der Opferschutz der Polizei, Krankenhäuser, andere Beratungsstellen, Jugendämter und die Wohnungslosenhilfe. Viele Männer finden auch über das Internet zu ihm.
Christoph Föhles arbeitet nach der Phänomethode, das heißt, er nimmt respektvoll das wahr, was ihm der betroffene Mann mitteilt, und spiegelt ihm, welche Gefühle er bei dem jeweiligen Thema wahrnimmt. Das ermöglicht schrittweise, dass Männer Verantwortung übernehmen und Klarheit gewinnen über das, was nun als Nächstes zu tun ist.
So zu arbeiten, heißt keinesfalls, alles gutzuheißen, was an Gewalttätigkeit von einem Mann ausgeht. Christoph Föhles liegt jedoch viel daran, zwischen der Persönlichkeit und dem Verhalten des Gegenübers zu unterscheiden. Jeder Mann kann mit jedem Thema zu ihm kommen, so lautet die Botschaft. Darauf soll ein Besucher vertrauen können, als Basis für die Gespräche.
Für viele Männer, gewalttätige genauso wie gewaltbetroffene, ist Christoph Föhles der erste Mensch in ihrem Leben, der ihnen zuhört und mit ihnen über ihre Geschichte spricht. Immer wieder erlebt der Berater große Emotionen, weil diese Erfahrung von Offenheit und Wertschätzung so ungewohnt ist und anderen mächtigen Gefühlen die Bahn bricht.
Die Ausgangspunkte der Gespräche sind extrem vielfältig. Da ist der Mann, der Gewalt an Partnerin oder Kinder ausübt. Da ist der Mann, der von der Partnerin geschlagen oder gedemütigt wird. Da ist der ältere Mann, der von seinem Sohn bedroht und verprügelt wird. Da ist der Mann, der in seiner Lebenskrise nicht mehr weiterweiß.
Christoph Föhles spricht mit den Männern über ihre Situation. Oft liegt das hauptsächliche Thema nicht gleich obenauf, sondern ist überlagert durch Momente, die gerade die meisten Gefühle auf sich ziehen. Es braucht Zeit, sich zu den eigentlichen Herausforderungen vorzuarbeiten. An diesem Punkt angelangt, lassen sich Lösungen denken, die nachhaltig wirken können.
Immer geht es darum, den eigenen Anteil an gewalttätigen Situationen zu erkennen und dafür Verantwortung zu übernehmen. Das kann durchaus komplex sein. Ein Beispiel: Ein Mann schlägt seinen Sohn, der bei der getrennten Partnerin lebt. Hinter dieser Gewalt steckt unbewältigte Trauer über das Ende der familiären Situation. Sich dieser Trauer auf andere Weise zu stellen, kann Ergebnis der Beratung sein und der Vater-Sohn-Beziehung helfen.
Zuweilen stößt der Berater bei seiner Arbeit mit den Männern an Grenzen, verweist er an andere Angebote im Hilfesystem. Die Grenzen können zum Beispiel darin liegen, dass eine psychiatrische Erkrankung Ursache der leidvollen Lage ist. Oder die Situation ist so bedrängend, dass es eine unmittelbare Aufnahme in einer der zwei SKM-Schutzwohnungen mit vier Schutzplätzen für Männer im Raum Mönchengladbach braucht.
Viele Männer machen ihre Probleme mit sich selbst aus, betäuben sich mit Alkohol und Drogen, flüchten in weitere Gewalt. Oder sie wissen irgendwann keinen Ausweg und nehmen sich das Leben. Vor diesem Hintergrund ist Christoph Föhles froh über jeden Mann, der zu ihm Kontakt aufnimmt, auch wenn er zunächst auf eine Warteliste kommt. Das Motto des SKM Rheydt "Jeder Mensch zählt" gilt auch für den Berater: "Jeder Mann zählt."
Autor: Thomas Hohenschue