Alltag und Lernen inklusiv zu gestalten, kommt jedem zugute - wir sind alle besonders
Ortstermin. In allen Räumen der Kita herrscht buntes Getümmel. Kinder versuchen sich handwerklich, an Kinderbohrmaschinen. Sie bauen Dinge zusammen. Sie lassen ihrer Phantasie freien Lauf, malen, erzählen Geschichten, kombinieren sie mit Gegenständen. In einer Burg schlüpfen sie in Ritterrollen, woanders werden prächtige Kostüme ausprobiert, reist man in den Weltraum oder ist eine Filmfigur. Im Bewegungsraum toben sich die Kinder aus, trainieren Gleichgewicht und Koordination, überwinden Ängste, zeigen, was sie können.
Dass hier Kinder mit so genannten Förderbedarfen dabei sind, ist nicht auf dem ersten Blick zu sehen. Das hängt mit Sicherheit damit zusammen, dass weder die anderen Kinder noch das Team die Besonderheiten größer machen, als sie sind, wie Leiterin Vanessa Friedrichs unterstreicht. Das Team hat sich die Haltung angeeignet, dass letztlich wir alle besonders sind und Inklusion brauchen. Das fängt schon bei der Sehkraft an, da ist es selbstverständlich, Brille oder Kontaktlinsen zu nutzen. Jeder Mensch entwickelt sich anders und verschieden schnell.
Was vielen Eltern auffällt und guttut: In der Kita St. Andreas gehen alle entspannt mit dem Thema um. Das war nicht immer so, erinnert sich Vanessa Friedrichs: "Als es hieß, wir müssen inklusiv werden, kam eine gewisse Panik im Team auf." Alle Überforderungsängste verflogen aber rasch, denn zum einen entdeckte das Team, dass die Kita schon immer inklusiv gearbeitet hat, zum Beispiel bei Geschwisterkindern mit Förderbedarf. Zum anderen machte sich eine Kollegin fit beim Zertifikationskurs von der Caritas im Bistum Aachen und ließ sich zur Inklusionsfachkraft fortbilden.
Die Kollegin heißt Christina Schmitz. Sie eignete sich das Wissen an, das es braucht, um Eltern gut durch verschiedene Aufgaben und Situationen zu begleiten. Spezielle Kenntnisse erfordert zum Beispiel die Bürokratie, die sich mit Anträgen auf Bezuschussungen verbindet. Christina Schmitz berät die Eltern bei der Vorbereitung von Gesprächen zu Förderplänen. Sie gibt ihnen die Zuversicht, dass ihr Kind in der Kita bestens aufgehoben ist und dort eine ganz normale Kindheit verlebt. Vielen Eltern nehmen diese Unterstützung als große Entlastung wahr.
Die Inklusionsfachkraft ist außerdem genauso für ihre Teamkolleginnen da, insbesondere auch für die Leitung. Vanessa Friedrichs ist voll des Lobes und gibt als Empfehlung an andere Kitaleitungen weiter: "Machen Sie es nicht selbst, sondern delegieren Sie diese Aufgabe." Christina Schmitz ist Anlaufstelle bei allen Unsicherheiten und Fragen, deeskaliert auch schon mal Konflikte, vermittelt, klärt auf. Immer wieder lernt das Team dazu, ausgehend von einem pädagogischen Konzept, das auf Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit und Selbstwert der Kinder abhebt.
Immer wieder berühren Früchte dieser unaufgeregten, ruhigen Arbeit alle Beteiligten. Ein Kind musste eine Zeit lang wegen Sehschädigung eine Augenklappe tragen. Aus dieser Situation entstanden tolle Piratenspiele. Ein Kind brauchte einen Sprachcomputer, um sich zu verständigen. Das faszinierte die anderen Kinder und sie lernten, sich ohne Worte im Morgenkreis zu verständigen. Das kam im Übrigen auch schüchternen Kindern zugute. Dass ein Kind mit sprachlicher Entwicklungsverzögerung eine eigene Fürbitte im Gottesdienst vortrug, rührte seinen Vater zutiefst.
Einen Lebens- und Lernraum für alle Kinder gestalten, die in die Kita St. Andreas in Korschenbroich kommen, ist die Leidenschaft von Kita-Leiterin Vanessa Friedrichs, Fachberaterin Corinna Fischer vom Diözesancaritasverband Aachen und Inklusionsfachkraft Christina Schmitz (v.l.n.r.).Thomas Hohenschue
Viele Beispiele zeigen: Inklusion strahlt vielfältig in eine Einrichtung aus. Sie bereichert somit die Umgebung, in der Kinder täglich leben und lernen. Kinder neigen ja ohnehin dazu, ganz selbstverständlich mit den Gegebenheiten ihrer Umgebung umzugehen. Wie wertvoll es für ihre weitere Entwicklung und ihre Lebenswege ist, wenn auch der Alltag mit Besonderheiten nichts Besonderes ist, lässt sich kaum überschätzen. Der Gedanke zieht und andere Einrichtungen machen sich auf dem Weg - am 18. Mai 2026 startet der nächste Zertifikatskurs der Caritas im Bistum Aachen.
Autor: Thomas Hohenschue