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„Schwangere Frauen und Paare fürchten Komplikationen, die das Leben von Mutter und Kind gefährden“

Die bundesweite ökumenische Woche für das Leben vom 14. bis 21. April 2018 widmet sich dem Thema Schwangerschaft und Pränataldiagnostik. Sie ruft zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den Methoden vorgeburtlicher Untersuchungen auf. Auch fragt sie nach den möglichen Folgen neuer Anwendungstechniken wie z.B. dem nichtinvasiven Pränataltest (NIPT) für den Schutz menschlichen Lebens. Paul Glar und Ulrike Blönnigen-Jochum von der Caritas Familienberatung Aachen nehmen Stellung.

Glar

Herr Glar, Sie leiten die Caritas Familienberatung Aachen in Trägerschaft des Caritasverbandes für das Bistum Aachen. Diese Stelle bietet Schwangerenberatung an. Was ist katholische Schwangerenberatung?

Paul Glar Katholische Schwangerenberatung ist eine fachlich qualifizierte Hilfe. Sie kann helfen bei Fragen zu Themen wie Kinderwunsch, Familienplanung, Schwangerschaft und frühe Kindheit. Sie setzt sich vielfältig für den Schutz des menschlichen Lebens ein.

Frau Blönnigen-Jochum, Sie sind Beraterin, unter anderem mit dem Schwerpunkt Pränataldiagnostik. Die Möglichkeiten vorgeburtlicher Diagnostik sind heute sehr vielfältig. Können Frauen heute noch ganz normal schwanger sein?

Ulrike Blönnigen-Jochum Frauen, Männer, Paare kommen mit vielen verschiedenen Themen, Fragestellungen und Problematiken in die Beratungsstelle. Der Wunsch und die Sehnsucht nach einer normalen Schwangerschaft und damit verbunden die Hoffnung auf ein gesundes Kind einen alle Betroffenen. Trotz vielfältiger Belastungen erleben viele ihre Schwangerschaft als normal.

Herr Glar, wie hat sich vorgeburtliche Diagnostik in den vergangenen Jahren verändert?

Paul Glar Ergänzend zur Schwangerenvorsorge - im übrigen auch bedingt durch die Veränderungen in der Reproduktionsmedizin - hat sich ein breites Spektrum an vorgeburtlichen Untersuchungsmethoden, die kurz PND genannte Pränataldiagnostik entwickelt. Die Grenzen zwischen PND und Vorsorge sind fließend. Gleichzeitig hat sich auf Grund der individuellen Gesundheitsleistungen, den IGeL-Leistungen, ein lukrativer Markt an Untersuchungsmöglichkeiten entwickelt.

Sie sehen den medizinischen Fortschritt kritisch? Womit sind schwangere Frauen heute konfrontiert?

Paul Glar Die Frage muss ich in zweierlei Hinsicht beantworten: Zum einen stellen die Ärzte den schwangeren Frauen das große Testangebot vor: Ultraschall, Messung der Nackenfalte, Serum-Screening, Test des mütterlichen Bluts auf genetische Veränderungen beim Fötus, Fruchtwasseruntersuchung usw.. Einige dieser Tests berechnen nur die Wahrscheinlichkeit einer Fehlbildung. Das bedeutet, dass auch Feten mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit davon betroffen sein können, und viele Kinder mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit sind gesund. Schwangere müssen also komplexe Entscheidungen treffen. Und ihre Überforderung führt möglicherweise dazu, dass sie sich für zu viele Tests entscheiden. Der zweite Punkt ist: Immer mehr Frauen werden später schwanger. Damit steigt das Risiko für eine Risikoschwangerschaft. Des Weiteren gibt es eine ebenfalls wachsende Zahl von Paaren, die die Unterstützung der Reproduktionsmedizin in Anspruch nehmen. Diese Menschen sind und fühlen sich in hohem Maße von den Hilfen der Medizin abhängig. Sie werden gehäuft den Empfehlungen ihrer Ärzte folgen, um vermeintlich möglichst viele Risiken auszuschließen.

Heute kommen weniger Kinder mit Trisomie 21 auf die Welt. Warum ist das so?

Paul Glar Die Einführung nicht-invasiver pränataler Tests (NIPT’s) hat die PND nachhaltig verändert. Zu einem frühen Zeitpunkt in der Schwangerschaft, etwa in der neunten Schwangerschaftswoche, kann bei einem Test des mütterlichen Blutes u.a. auf eine Trisomie 21 geschlossen werden. Das hat zur Folge, dass dadurch gesetzliche Regelungen zum Lebensschutz, z.B. die Notwendigkeit einer medizinischen Indikation, ausgehöhlt werden. Denn aufgrund der gesetzlichen Regelung ist eine Abtreibung straffrei, wenn diese in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft erfolgt. Einzige Voraussetzung ist, dass die Frau sich in einer anerkannten Schwangerenberatungsstelle beraten lassen hat. Frauen und Paare in dieser Situation treffen eine individuelle Gewissensentscheidung, die von persönlichen Werten geprägt ist, aber nicht unabhängig ist vom sozialen und gesellschaftlichen Umfeld.

Frau Blönnigen-Jochum, können Sie sagen, wovor schwangere Frauen bzw. Paare am meisten Angst haben?

Blönnigen-Jochum, Ulrike

Ulrike Blönnigen-Jochum Schwangere Frauen und Paare fürchten am meisten Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt, die das Leben von Mutter und Kind gefährden können. Sie haben Sorge vor den damit verbundenen weitreichenden Folgen wie Erkrankung und Beeinträchtigungen.

Wie kann Beratung den Schwangeren helfen?

Ulrike Blönnigen-Jochum Wir beraten in einer professionellen Beratungsbeziehung. Sie wird prozessorientiert und im gemeinsamen Dialog geführt. Die Beratung in ethischen und existenziellen Entscheidungskonflikten folgt dem Grundprinzip der Ergebnisoffenheit: Ratsuchende behalten als Experten ihrer Lebenswelt die Selbstverantwortung für die Lösung der von ihnen benannten Probleme.

Wie verhalten Sie sich als Beraterin in diesem schwierigen Entscheidungsprozess?

Ulrike Blönnigen-Jochum In der Beratung ermögliche ich schwangeren Frauen und ihren Partnern, die vom Arzt erhaltenen Informationen in Ruhe zu besprechen, offene Fragen zu klären. Sie können Ängste und Sorgen äußern und mit genügend Zeit darüber nachdenken, was verschiedene Entscheidungen bedeuten und bewirken. Lebensbiografische Ereignisse, die Klärung der Beziehungsebene des Paares und ihres sozialen Umfeldes, religiöse Weltanschauungen, spirituelle Hintergründe, wie auch die Einstellung zu Krankheit und Behinderung können die Entscheidung mit beeinflussen. Die Bewältigung früherer schwieriger Lebenssituationen kann von Ratsuchenden als Ressource im Entscheidungsprozess genutzt werden. Ich biete sowohl Information und Erschließung psychosozialer und materieller Hilfen an, als auch eine weitergehende Begleitung über die Schwangerschaft hinaus.

Wie geht es Frauen oder Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch?

Ulrike Blönnigen-Jochum Frauen oder Paare erleben ungewollte Kinderlosigkeit als sehr großes Leid. Es stellt ihre weitere Lebensplanung auf den Kopf. Von ihrem Umfeld fühlen sie sich oft alleingelassen und nicht akzeptiert. Die Suche nach medizinischer Hilfe ist für viele frustrierend, da sich die Hoffnung auf ein Kind dennoch nicht erfüllt. Zudem bedeutet der Einsatz  reproduktionsmedizinischer Maßnahmen eine enorme körperliche und psychische Belastung für Frauen und Paare. Verschiedene Gefühle wie Wut, Trauer, Schmerz, Schuldgefühle kommen hoch und belasten die Paarbeziehung. Pränataldiagnostische Verfahren können sowohl in besonderem Maße eine Sicherheit vermitteln, als auch zur riesengroßen Belastung werden. Das geschieht dann, wenn schwerwiegende Entscheidungen getroffen werden müssen, falls Krankheit, ungeplante Mehrlingsschwangerschaft, oder Verlusterlebnisse drohen.

Was ist Ihr persönlicher Wunsch für die schwangere Frau?

Ulrike Blönnigen-Jochum Der schwangeren Frau wünsche ich neuen Lebensmut, Selbstvertrauen und die nötige Klarheit, um sich den veränderten Lebensaufgaben stellen zu können, damit sie sich auf eine gemeinsame Zukunft mit Kind gut vorbereitet fühlt und guter Hoffnung sein kann.

Quelle: Caritasverband für das Bistum Aachen e.V.